Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 16 (1913)
- Article
- Aus meiner Knabenzeit
- Date
- 1913-01-01
- Page
- Seite 168 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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168 bei der sogenannten Herrschaft (שררה) im Hause, wo man ihnen Brot, Butter, Eier, Kartoffeln und Mehl zur Selbstbeköstigung gern freistellte. Gewöhnlich führte der jüdische Schneider einen kleinen Kessel mit, den er zum Kochen der Naturalien benutzte. Dies hörte ich noch in meiner Kindheit von alten Leuten erzählen. Von einer anderen Industrie, speziell in meiner Vaterstadt, wie auch in dem benachbarten Wronke, heißt es im Berichte des Ministers an' den König, vom 20. September 1793 (bei Warschauer S. 653): Die Kantenknöppelei wird sehr häufig von jüdischen Frauens- Personen getrieben, und sie macht ihre einzige Beschäftigung aus. Besonders sieht man sie in einigen Städten, in Wroncke, Obersitzko usw., des Abends vor den Häusern in Reihen hinter den Pulten sitzen. — In meiner Kindheit war die Beschäftigung mit der Knöppelei nicht mehr vorhanden; dagegen blühte die Haus-Industrie im Stricken von wollenen Strümpfen und von Faust - Handschuhen, zu denen Drümmer (eigentlich Trümmer) verwendet wurden, nämlich die abgeschnittenen Fäden am Ende des Webe-Aufzugs. Oft hatte ich für meine Mutter vom Weber solche Drümmer zu holen, die aneinander geknüpft und zu einem Knäuel aufgewickelt wurden.׳ Diese Haus-Industrie bildete einen gehörigen Erwerbszweig für die armen Frauen, besonders für die Witwen; sie hat erst in neuerer Zeit fast ganz ausgehört, nachdem die Maschinen-Fabrikation die Handarbeit verdrängt hat, und die nach Amerika aus- . gewanderten Söhne imstande wären, ihre armen Perwandten in der Heimat hilfreich zu versorgen. Der Segen der neuen Regierung blieb noch lange in der Erinnerung der jüdischen Untertanen lebendig erhalten, besonders wenn es später galt, bei Streitigkeiten für Eheverträge und Testamente auf einzelne Bestimmungen zurückzugreifen. So hörte ich noch in meiner Kindheit darüber diskutieren, ob die Verheiratung zur südpreußischen Zeit oder nach derselben stattgefunden habe.