Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 16 (1913)
- Article
- Aus meiner Knabenzeit
- Date
- 1913-01-01
- Page
- Seite 169 (sequence 5)
- Language
- German
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169 Mit dem Tilsiter Friedensschluß am 12. Juli 1807 aber hörte die preußische Regierung auf. Sie verlor die ihm zugefallenen Länderteile des ehemals polnischen Gebietes, woraus Napoleon I. das Herzogtum Warschau bildete, über das er dann den König von Sachsen einsetzte. Napoleon betrachtete dieses von ihm gegründete Staatswesen während seines achtjährigen Bestehens nur als unerschöpfliche Quelle zur Lieferung von lebendigem und totem Kriegsmaterial. Die einzige Aufgabe der Verwaltung war die rasche und reichliche Beschaffung von Rekruten, Geld und Lebensmitteln. Besonders hatten hierbei die Juden viel zu leiden; bei Truppendurchmärschen mußte alles zur Befriedigung der Soldateska aufgeboten werden. Zwar war in der Konstitution vom 22. Juli 1807 die Gleichheit aller Bürger vor dem Gesetze ausgesprochen; allein schon durch die Verordnung vom 17. Oktober 1808 wurden die politischen Rechte der Juden auf zehn Jahre suspendiert und auch in betreff der bürgerlichen Rechte mehrere Ausnahmegesetze gegeben. So wurde bestimmt: ״Die Einwohner des Herzogtums Warschau alttestamentischer Religion sollen vom 1. Juni 1809 eine Abgabe vom Koscher-Fleische zahlen." Nämlich: 6 polnische Groschen vom Pfund Fleisch, 1 Gulden von einem welschen Hahn, 18 polnische Groschen von einer Gans, 10 polnische Groschen von einem Huhn usw. Diese jüdische Abgabe wurde öffentlich an den Meistbietenden verpachtet. Sie ist unter der Bezeichnung Karobka oder Krupke bekannt und später von der Verwaltung der jüdischen Gemeinden selbst als eigene Steuer zur Bestreitung ihrer Bedürfnisse adoptiert worden. Die Jahre der Regierung im Herzogtum Warschau voller Not und Angst für die Juden wurden in gewissem Sinne als חבלי משיח angesehen, d. h. als die Leidenszeit, welche der Ankunft des Messias vorangehen soll. Die Rabbiner ermahnten daher in den Predigten zur Buße und vertrösteten aus die nah bevorstehende Ankunft des Messias, die nach sogenannten Gematrieos (Zahlzeichen aus Schriftstellen) berechnet wurde. Vorzüglich