Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 16 (1913)
- Article
- Die Papyri von Elefantine
- Date
- 1913-01-01
- Page
- Seite 65 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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65 neben, ja sogar über der Religion. Wir möchten iden Abstand messen zwischen dem Nolk und seinen Führern, und die heiligen Schriften geben uns die Antwort auf diese Frage nicht, können sie nicht geben, denn ihre Verfasser stehen auf dem hohen, einseitigen Standpunkt des religiösen Idealisten, der für die Dinge dieser Welt nur wenig Sinn hat und sie nur dann erwähnt, wenn er sie bessern will. Wir wollten das Volk kennen lernen, nicht, wie es die Feder des religiösen Schriftstellers gezeichnet hat, sondern, wie es sich selbst gab, wie es lebte und dachte, wie es sich langsam und allmählich zu höheren Stufen menschlicher Kultur emporentwickelte. Das war eine der großen Aufgaben, die sich die moderne Bibelwissenschaft stellte und an deren Lösung der Scharfsinn der Forscher unermüdlich arbeitete. Und doch schien es fast unmöglich zum Ziele zu gelangen. Man sammelte aus der Bibel die zerstreuten Notizen, die uns über das Tun und Treiben des Volkes Aufschluß geben konnten, man ergänzte das unvollständige Bild durch Parallelen aus den Sitten anderer, verwandter und benachbarter Völker, aber was wir erhielten, war auch im günstigsten Falle nur Konstruktion und Theorie, nicht ein treues, lebensvolles, farbiges Abbild der Vergangenheit. — Da geschah etwas wie ein Wunder. Die Toten beginnen zu reden und erzählen ihre Geschichte, und zwar sind es grade jene einfachen Leute aus dem Volke, Bauern und Soldaten, Beamte und Schreiber, die uns von ihren kleinen Sorgen und Geschäften berichten. Wir sehen aus unserer Gegenwart unmittelbar hinein in die fernste Vergangenheit. Wir finden Rollen, die vor zwei und einem halben Jahrtausend eine lebendige Hand beschrieben und versiegelt hatte, und die seither unberührt im Schoße der Erde die Zeit überdauerten, bis wir sie nun öffnen und ihre Schrift lesen. Ein unheimlicher Gedanke drängt sich uns auf, wenn wir diese Blätter sehen, wir bekommen einen Begriff von dem, was Ewigkeit ist — ein Brief, heute geschrieben und zusammengefaltet und fünfundzwanzig Jahrhunderte später zum ersten Male wieder geöffnet und von den Kindern einer anderen 5