Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 16 (1913)
- Article
- Literarische Jahresrevue
- Date
- 1913-01-01
- Page
- Seite 28 (sequence 8)
- Language
- German
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28 dieses einzigartige Buch hat schon längst den engen Kreis der Fachgelehrten überschritten und ist in den weiten Kreis der gebildeten Welt gedrungen. Für dessen wissenschaftliche Erforschung sind jetzt neue Wege erschlossen worden. Vor allem wurde die Bibel in ein Helles geschichtliches Licht gerückt, durch das sie nur gewinnen konnte. Die Aufdeckung der assyrisch-babylonischen Welt, die Jahrtausende hindurch unter Trümmern begraben lag, war für das richtige Verständnis der Bibel , von großem Nutzen. Die Sensation, die sich vor etwa zehn Jahren an diese Forschungen gehängt hatte, ist bereits überwunden, und die objektiveWürdigung der Tatsachen, d.h. eine voraussetzungslose Behandlung des aufgefundenen Materials, gewinnt immer mehr an Boden. Der Wert des Neuen ist gewiß unermeßlich, und jede Aufhellung dunkler Punkte in dieser Disziplin der Wissenschaft des Judentums durch die Aufdeckung neuer Tatsachen, durch das Hervorziehen von Geschichtsquellen aus dem Schutt, wird von allen Freunden der Wahrheit mit Freude begrüßt werden. Aber vielleicht ist es schon jetzt an der Zeit, für die gerechte Würdigung der Alten einzutreten. Die Bibelexegese kann aus diesen Quellen noch viel schöpfen. Es tut sicherlich dem Wert der alten Bibelerklärer keinen Abbruch, daß sie mit dem Texte der biblischen Schriften sorgfältiger umgingen und nicht gleich, wo ihre Kenntnis versagte, darauf los emendierten. Man prüfe vorurteilslos alle „Verbesserungen" und „Korrekturen", die die moderne Bibelforschung, gezeitigt hat — die meisten find auf mangelnde Kenntnis der hebräischen Sprache und deren Syntax zurückzuführen. Die selbstgefällige Zuversichlichkeit, mit der diese Weisheiten vorgetragen werden, darf den unbefangenen Forscher nicht verblüffen. Zu bedauern ist es, daß diese Art von Bibelforschung auch in jüdische Kreise immer mehr eindringt; man hält sich da im Reiche der Wissenschaft nicht für „ebenbürtig", wenn man nicht alle halsbrecherischen Hypothesen und Emendationen gutheißt und vielleicht noch überbietet. In unserer aufgeklärten Zeit ist dies eine Art Glauben und Aberglauben geworden.