Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 16 (1913)
- Article
- Literarische Jahresrevue
- Date
- 1913-01-01
- Page
- Seite 24 (sequence 4)
- Language
- German
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— 24 — Ein Teil der Wissenschaft des Judentums hat seinen Platz in der allgemeinen Wissenschaft erhalten: Die Bibelforschung, die hebräische Sprache und die ältere jüdische Geschichte. Es war allerdings kein Segen dabei, daß die meisten Disziplinen dieser Wissenschaft, soweit sie an Universitäten gepflegt wurden, als Anhängsel der „Gottesgelahrtheit" galten. Vor allem war dies ein arges Mißgeschick für die Bibel, die iin beengten Gesichtskreis der Theologie in ihrem wahren Wert und in ihrer vollen Bedeutung nicht gewürdigt werden konnte. Und selbst als man nun in Universitätskreisen angefangen hatte, das ewige Buch rein wissenschaftlich, voraussetzungslos, zu erforschen, ist es leider der Tummelplatz für Hypothesen- und Konjekturjäger geworden, die mit wenig Witz und mit noch weniger Wissen, aber mit viel Behagen darauf los emendierten, daß an diesem Schrifttum keine heile Stelle blieb. Und je mehr haltlose Hypothesen und unglaubliche Konjekturen, desto „gründlicher" ist die wissenschaftliche Forschung. Das Traurigste dabei ist, daß man als „rückständig" und „imwissenschaftlich" verschrieen wird, wenn man gegen diesen Vandalismus die Stimme erhebt. Auch die Bibelforschung hat ihre bedenklichen Erscheinungen: zu einer ruhigen und objektiven Methode ist man nur in den seltensten Fällen gelangt. Vor einiger Zeit leistete sich ein Freund der objektiven Bibelforschung den grausamen Scherz, die in apodiktischer Form aufgestellten Behauptungen eines berühmten, inzwischen bereits verstorbenen Bibelforschers, wie sie sich in seinem Buch von Auflage zu Auflage geändert haben, gegenüber zu stellen. Dabei hat jener Gelehrte in einer früheren Auflage jede gegenteilige Meinung nur bei Böswilligkeit und völliger Verständnislosigkeit für möglich gehalten. Das hinderte ihn jedoch nicht, in einer späteren Auflage seiner Schrift sich jene nur „böswillig" oder „verständnislos" möglichen Meinungen anzueignen. Wenn dies bei großen, wirklich verdienstvollen Gelehrten möglich ist, dann kann man sich ungefähr denken, was Anfänger mit der ganzen „Unmittelbarkeit der Unkenntnis", wie sich Treitschke auszudrücken Pflegte,