Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 16 (1913)
- Article
- Literarische Jahresrevue
- Date
- 1913-01-01
- Page
- Seite 23 (sequence 3)
- Language
- German
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23 ja freilich jene Völker des Altertums, das ägyptische und assyrische, das Glück gehabt, inzwischen vom Boden der Geschichte zu verschwinden, während der jüdische Stamm eine wunderbare, in der Geschichte ohne Beispiel dastehende Lebenskraft gezeigt hat und auch in späterer Zeit nicht aufhören wollte, Geschichte zu machen. Aber so unverzeihlich erscheint dieser Wille zum Leben denn doch nicht, daß man deshalb ein wichtiges Stück Geschichte und Kulturgeschichte als eine Winkelwissenschaft bezeichnen dürfte, die die Juden selbst Pflegen und fördern mögen — wenn sie wollen. Wie wäre es, wenn die Juden selbst kein Verständnis für den Wert dieser Wissenschaft hätten — und vielen unserer Glaubensgenossen fehlt es leider wirklich — würde es der gebildeten Welt völlig gleichgültig bleiben, wie es mit dieser Wissenschaft steht? Und auch abgesehen von diesem Gesichtspunkt der Gleichberechtigung der Wissenschaft des Judentums im Reiche des Wissens und der wissenschaftlichen Forschung besteht noch ein praktisch fühlbarer Mangel auf diesem Gebiete. Die jüdischen Lehranstalten sind ihrem Wesen nach hauptsächlich zur Ausbildung von Rabbinern ins Leben gerufen, während man in christlichen Kreisen, mit staatlicher Hilfe versehen, neben der Ausbildung von Geistlichen auch für die Förderung der theologischen Wissenschaft sorgen kann. Außerdem sollen sich ja auch christliche Gelehrte mit dieser Wissenschaft befassen. Aus der Lehranstalt für die Wissenschaft des Judentwns zu Berlin bestand früher die Einrichtung, wahrscheinlich ist sie so geblieben, daß die Vorlesungen für Studierende aller Fakultäten, auch für christliche, gehalten wurden. In früheren Jahren Pflegte auch hin und wieder ein junger christlicher Theologe diese Vorlesungen zu besuchen. Ob das auch jetzt noch der Fall ist, weiß ich nicht, aber jedenfalls hat diese Gastfreundschaft auf wissenschaftlichem Gebiet nicht viel zur Verbreitung der Kenntnis des Judentums in christlichen Kreisen beigetragen. Für die Wissenschaft selbst wäre es zweifellos nicht nur gerecht, sondern auch förderlich, wenn sie nicht bloß als theologisches Studium an einer deutschen Universität gelehrt würde.