Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 16 (1913)
- Article
- Literarische Jahresrevue
- Date
- 1913-01-01
- Page
- Seite 22 (sequence 2)
- Language
- German
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22 so auch die moderne Wissenschaft des Judentums, die jetzt nahezu ein Jahrhundert alt ist. Selbst der Umstands daß ihr die materiellen Mittel in der empfindlichsten Weise gefehlt haben, da nämlich nicht nur die Regierungen, sondern auch reiche Juden ihr die Unterstützung versagten, auch dies hat die Entwickelung und das Wachstum der Wissenschaft nicht gehemmt. Es scheint, daß die hon unseren Altvordern aufgestellten Regel für die Erwerbung der Lehre: „ein Leben voller Entsagungen und Entbehrungen", auch für die moderne Wissenschaft des Judentums ihre volle Gültigkeit behalten hat. Die Begründer dieser Wissenschaft, denen es allen vergönnt war, sie bereits auf einer achtunggebietenden Höhe zu sehen, haben alle mehr oder weniger mit den Sorgen um das tägliche Brot zu kämpfen gehabt. Aber der jüdische Idealismus, der unserm Stamme innewohnende Enthusiasmus für Bildung und Wissen, hat auch diese Hindernisse überwunden. Im übrigen war diese Erscheinung nicht einmal neuartig im Judentum: so wurde bei uns fast immer gelernt und gelehrt; man wollte die Thora in unserer Mitte niemals zu einer melkenden Kuh machen. Trotzdem ist die Bestrebung, an einer staatlichen Hochschule das Judentum erforschen zu lassen, gewiß nicht unberechtigt, wenn ich auch der Befürchtung Ausdruck geben möchte, daß die Verwirklichung dieses Vorhabens, wenn sie jetzt gelingen sollte, viel zu spät kommen würde. Es muß zugegeben werden, daß die Wissenschaft des Judentums noch immer den Charakter einer jüdischen Wissenschaft trägt. Das ist zweifellos ein großer Mißstand. Als religiöse Erscheinung geht das Judentum in erster Reihe uns an; aber es gehört doch auch der ganzen Menschheit, da es einer der wichtigsten Faktoren im modernen Kulturleben ist.. Aber die Wissenschaft des Judentums ist gewiß keine jüdische Angelegenheit. Man hat schon längst an den meisten deutschen und außerdeutschen Universitäten Lehrstühle für die ägyptologische und assyriologische Forschung errichtet und zur Förderung dieser Forschungen werden vom Staate und Privaten noch immer reiche Mittel bewilligt. Nun haben