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Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur · 1913-01-01 · 16 (1913) · p. Seite 17

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Journal
Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
Volume
16 (1913)
Article
Rückblick auf das Jahr 5672
Date
1913-01-01
Page
Seite 17 (sequence 17)
Language
German
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17 gewärmt. Freilich eine Jüdin, die eines solchen angeschuldigt war, wurde von den Geschworenen der Stadt Taraschtscha einstimmig freigesprochen. Mit um so größerer Wucht warf sich die Staatsanwaltschaft in Kiew auf die rätselhafte Angelegenheit der Ermordung des Knaben Justschinsky, deren der Jude Beilis beschuldigt wurde. Der Untersuchungsrichter Fenenko spielte die Sache sofort aus den Ritualmord hinaus. Die Presse, die Geistlichkeit, einige angebliche Wissenschaftler stimmten eifrig ein, und die Pogromhetze nahm einen bedrohlichen Umfang an. Alle anständigen Elemente in Rußland selbst fühlten die Verpflichtung, die Wiedererweckung der schmachvollen Vorgänge des Herbstes 1905 von ihrem Vaterlande fern zu halten; mehr als hundert der bekanntesten russischen Schriftsteller und Gelehrten legten öffentlich Verwahrung gegen das Märchen vom Ritualmord ein. 800 Rabbiner Rußlands protestierten gegen dieses im Namen ihrer Religion. Auch in Deutschland haben, im März dieses Jahres, viele Hunderte der angesehensten christlichen Gelehrten, Schriftsteller, Künstler,. Politiker, Gewerbetreibenden sich in einer öffentlichen Erklärung mit Entrüstung gegen jene schändlichen Machenschaften gewandt. Ein Trost in all' dem Unglück! Ueberdies haben diese und ähnliche imposante Kundgebungen aus Frankreich und England immerhin die tatsächliche Wirkung gehabt, daß die Drahtzieher des Antisemitismus in Rußland sich nicht getrauten, unter dem Vorwand des Ritualmordes Pogrome ins Werk zu setzen. Privaten Untersuchungen an Ort und Stelle gelang es nachzuweisen, daß nicht Beilis, sondern Verwandte Justschinskys die Ermordung des unglücklichen Knaben vorgenommen hatten. Das paßte der „echt russischen" Staatsanwaltschaft in Kiew natürlich nicht in den Kram. Sie weigerte sich lange, die wahren Schuldigen auch nur zu verhören, um diesen die Möglichkeit zu geben, den Sachverhalt zu verdunkeln; sie lehnte die von der Verteidigung Beilis' vorgeschlagenen Sachverständigen ab. Da die Geschworenenliste für das Frühjahr zu viele gebildete und unabhängige Leute enthielt, von denen 2

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