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Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur · 1913-01-01 · 16 (1913) · p. Seite 18

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Journal
Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
Volume
16 (1913)
Article
Rückblick auf das Jahr 5672
Date
1913-01-01
Page
Seite 18 (sequence 18)
Language
German
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18 man eine Verurteilung des schuldlosen Beilis nicht erwarten konnte, so wurde die Schwurgerichtsverhandlung auf den Herbst verschoben. Der von einigen Richtern geforderten einstweiligen Haftentlasfung des Beilis widersetzte sich die Staatsanwaltschaft. Die „echt Russischen" wünschten die unvermeidliche Blamage ihres mit so vielem Geräusch in Szene gesetzten Ritualmordprozesses bis nach den bevorstehenden Wahlen zur Duma zu verschieben. Allein inzwischen scheinen sich bessere Aussichten zu eröffnen. Das Appellationsgericht in Kiew hat sich endlich bewogen gefunden, der schnöden Rechtsverdrehung ein Ende zu bereiten. Es ordnete eine neue Untersuchung in dem Mordprozesse an und befahl die Verhaftung der Wera Tschelmiak, die den Plan zur Tötung des Knaben Justschinsky entworfen und seine Ausführung vorbereitet hatte. Ja, noch mehr: im Monat August ward ein gerichtliches Verfahren gegen den Chef und zwei Beamte der Kiewer Geheimpolizei erhoben, wegen der in jenem Prozesse von ihnen begonnenen Fälschungen. So ist doch die Hoffnung vorhanden, daß die wahren Schuldigen und die schändlichen Urheber der gegen die Juden gerichteten Verleumdungen zur Rechenschaft gezogen und die ganzen Jntriguen mit einer glänzenden Rechtfertigung des Judentums enden werden. In immer weiteren Kreisen der russischen Bevölkerung tritt eine heilsame Reaktion gegen die von oben herab betriebene Verhetzung wider die Juden ein. Man beginnt zu fühlen, daß die schwere Benachteiligung eines so zahlreichen, intelligenten und rührigen Teiles der Bevölkerung dem ganzen Reiche schmerzhafte Wunden schlägt. Nicht nur die Börsenkomitees und Handelskammern sind gegen die Beschränkung der Rechte der Juden vorstellig geworden, sondern auch die Vertreter der russischen Landwirtschaft auf ihrem Petersburger Kongresse im Februar 1912, und zwar mit der Einstimmigkeit dieser russisch-rechtgläubigen Agrarier. Zwar trägt die Regierung unter dem maßgebenden Einstuffe des jetzigen Zaren dieser bedeutsamen Kundgebung noch nicht Rechnung — aber die Persönlichkeiten werden sich ändern, und dann wird

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