Mannheim
Compact Memory

Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur · 1913-01-01 · 16 (1913) · p. Seite 7

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
Volume
16 (1913)
Article
Rückblick auf das Jahr 5672
Date
1913-01-01
Page
Seite 7 (sequence 7)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3111067-3111098-3115981--4289-3116024
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

7 hier die für das gegenwärtige Judentum so charakteristische Erscheinung hervor, daß, während die überwiegende Zahl seiner Bekenner sich immer mehr von dem Zeremonialgesetz, ja von dem ganzen speziell jüdischen Leben löst, dessen grundsätzliche Umgestaltung sich als untunlich erweist. So wird der Gegensatz zwischen dem Schein und dem Sein immer weiter und schärfer. Wir sehen dabei von jedem Parteistandpunkte ab und begnügen uns mit der Feststellung einer beklagenswerten Tatsache. Man weiß, daß Frankreich sich jetzt mit der „zivilisatorischen Durchdringung" Marokkos beschäftigt. Im Jnteresseunsererunglücklichen,vondem finsteren Fanatismus der marokkanischen Mohammedaner unterdrückten und verfolgten dortigen Glaubensgenossen ist dringend zu wünschen, daß diese „Durchdringung", mit anderen Worten die Herrschaft Frankreichs daselbst bald zur Wahrheit werde. Einstweilen verhängt der Unabhängigkeits- und Bürgerkrieg, der in Marokko wütet, über dessen hilflose jüdische Bewohner, an denen die verschiedenen Parteien immer zuerst ihr Mütchen kühlen, unsägliche Leiden. So wurde am 17! April von mehreren Tausenden eingeborener Soldaten unter den Augen des machtlosen Sultans Mulei Hafid das 12000 Bewohner zählende Judenquartier der Stadt Fez vollkommen ausgeplündert und zerstört, dabei zwischen 50 und 100 Juden getötet. Der Sultan gewährte den geflüchteten Israeliten Aufnahme in den Höfen seines Palastes und — in seiner Menagerie, deren Käfige zahlreichen Familien als Wohnung dienen mußten Die von dem französischen Gesandten Regnault angestellte Untersuchung bewies, daß die Juden nicht, wie antisemitische Stimmen dies behauptet hatten, an dem Ausruhr schuld gewesen seien, sondern dieser lediglich eine Ausgeburt der Plünderungssucht und Wildheit der sultanischen Soldateska war. Das einzig Erfreuliche bei diesem mohammedanischen Pogrom war, die Opferwilligkeit, die die europäischen Israeliten zugunsten ihrer armen marokkanischen Glaubensbrüder entfalteten, und die die Unglücklichen, denen alleHabe vernichtet worden, wenigstens vor dem Hunger bewahrte.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.