Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 16 (1913)
- Article
- Rückblick auf das Jahr 5672
- Date
- 1913-01-01
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
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6 — Ungarn sich auszeichnete, dort auch für die Zukunft wieder gesichert. Ein Beweis dafür ist, daß ein Israelit, Desider Markus, zum Richter an der königlichen Kurie, das heißt dem höchsten ungarischen Gerichtshöfe, gleich dem deutschen Reichsgerichte, ernannt worden ist. Wir sind glücklich, die Besorgnisse, die wir noch vor kurzem für unsere Glaubensgenossen in Ungarn hegen zu müssen glaubten, zerstreut zu sehen. Ein anderes Nachbarland Deutschlands, die Schweiz, sieht die Zahl der Juden in seinem Gebiete sich.fortwährend vermehren. An vielen Orten werden neue Synagogen begründet. So wuchs die jüdische Gemeinde in Luzern, die vor einem halben Jahrhundert nur acht Familien zählte, auf deren mehr als hundert an. Im Frühjahr weihte sie ihre neue Synagoge ein; bei der Feier ergriff, neben den Vertretern der städtischen Behörden, auch ein katholischer Priester das Wort, um das Einverständnis zwischen den verschiedenen Glaubensgemeinschaften zu feiern. Unsere Glaubensgenossenschaft in Frankreich fährt unter vielen Schwierigkeiten fort, sich, nach dem Wegsalle der früheren staatlichen Organisation, unter der Herrschaft der absoluten Freiwilligkeit einzurichten. Das hauptsächlich zu überwindende Hindernis ist die religiöse Gleichgültigkeit einer großen Anzahl der französischen Juden. So kommt es, daß z. B. in Paris, wo gewiß an 50 000 Israeliten wohnen, sich zur Gemeinde nur etwa 4000 Familien, mit ungefähr 16 000 Köpfen — also nur ein Drittel der Gesamtzahl — zusammengeschlossen haben. Diese nicht gerade zahlreiche Gemeinde unterhält einen übergroßen Stab von Kirchenbeamten: elf Rabbiner, 16 Kantoren, 4 Dirigenten und 127 Chorsänger, usw. Etwa 3000 Kinder erhalten Religionsunterricht. Die Rabbiner Frankreichs vereinigen sich alljährlich zu einer allgemeinen Versammlung, die über die Fragen des öffentlichen religiösen Lebens berät. Es wurden dort schon allerhand Reformen, besonders auf dem Gebiete der Ehegesetzgebung, angeregt, aber zur Entscheidung ist nur weniges gekommen. Es tritt auch