Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 16 (1913)
- Article
- Rückblick auf das Jahr 5672
- Date
- 1913-01-01
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
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geblieben, damit die unbedingte Herrschaft über die. große Hauptstadt an der Donau. Das Entscheidende war, daß die sich stolz als freiheitlich geberdenden Deutsch-Nationalen zum großen Teile schon in der Haupt-, sämtlich aber in der Stichwahl lieber für die Klerikalen gestimmt haben als für die Freisinnigen. Trotz der Zerklüftung der antisemitischen Partei in Wien seit dem Tode Luegers, trotz der zahlreichen Mißstände, die sich in ihr herausgestellt haben, steht sie wieder siegreich in Wien da. Von 162 Gemeinderatsmandaten gehören ihr noch immer 130! Nach dem Beispiel, das vor vierzehn Jahren der Wiener Bezirksschulrat gegeben hatte, beschloß auch der Stadtschulrat in Czernowitz, künftighin gesonderte Schulen ür christliche und jüdische Kinder einzurichten. Dieser Akt der Unduldsamkeit wurde aber — wie in jenem Wiener Falle — durch die Vorgesetzte Landesschulbehörde als ungesetzlich ausgehoben. Anderes haben die Herren wohl auch nicht erwartet, aber sie wollten doch ihre antisemitische Gesinnung offenbaren. Erfreulicher ist, daß der jüdische Pathologe Professor Adolf Beck zum Rektor der Lemberger Universität erwählt wurde, als erster Israelit, der dort diese hohe wissenschaftliche Würde bekleidet. Gerade in polnischem Lande ist solch Beweis der Unbefangenheit in den höchstgebildeten Kreisen mit Genugtuung zu begrüßen. Noch befriedigender ist der Umstand, daß in Ungarn das klerikal-radikale Bündnis seine Rolle ausgespielt zu haben scheint und der wahre Liberalismus unter der Leitung der energischen Staatsmänner Lukacs und Tisza wieder zur Herrschaft gelangt ist. So fand im Parlamente das Verfahren des Leiters der Mittelschulsektion des Unterrichtsministeriums, Barons Ferdinand Barkpczy, heftigen und wiederholten Tadel, weil er, ein christlichsozialer Heißsporn, sich gegen die Gymnasiallehrer jüdischen Bekenntnisses mit ungerechtester Parteilichkeit benahm. Der Unterrichtsminister Graf Johann Zichy hat nun den parteiischen Ministerialrat mit einer Strafversetzung bedacht und unschädlich gemacht. So ist hoffentlich die konfessionelle Unparteilichkeit, durch die