Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 16 (1913)
- Article
- Rückblick auf das Jahr 5672
- Date
- 1913-01-01
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
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3 Eines: diejenigen Elemente des Reichstages, die es mit der Verfassung und dem Rechtsstaats aufrichtig meinen, müssen durch eingreifende Verweigerung wichtiger Teile des Militäretats den Herrn Kriegsnünister und seine Untergebenen zur Verfassungstreue zwingen. Und es ist keine kecke Anmaßung der Juden, solches zu fordern; vielmehr hat der Abgeordnete Gothein jüngst in einem Artikel des „Berliner Tageblatts" das gleiche Thema abgehandelt. Wir dürfen um so mehr hoffen, daß dieser einzig zum Ziele führende Weg endlich beschritten werden wird, als die diesjährigen Reichstagswahlen zum ersten Male seit langer Zeit zwei Juden in das hohe Haus gebracht haben, die nicht der sozialdemokratischen Partei angehören. Bis vor kurzem erschien es aussichtslos, in einem den bürgerlichen Parteien angehörenden Wahlkreise einen Juden dem allgemeinen Stimmrechte als Kandidaten vorzustellen. So weit hatte es der Antisemitismus gebracht, daß solches selbst in der Fortschrittspartei als untunlich galt. Dieses Mal sind, abgesehen von den Sozialdemokraten jüdischen Stammes, zwei Israeliten: Justizrat Waldstein-Altona und Rechtsanwalt Haas- Karlsruhe, in den Reichstag entsandt. Wir erwarten, daß sie in allen wichtigen Fragen, wo es sich um die Gleichberechtigung der Juden handelt, besonders aber in der militärischen, dje Forderungen des Rechtes und des Freisinns mit allem Nachdruck vertreten werden. In den kleineren deutschen Bundesstaaten weht eine den Israeliten einigermaßen günstigere Luft; selbst im Königreiche Sachsen. Nicht nur hören wir hier von Anstellungen im Gerichtswesen, von der Zulassung jüdischer Dozenten an der Universität Leipzig, sondern es soll an dieser auch ein Lehrstuhl für die Wissenschaft des Judentums begründet werden. Wir gestehen offen, daß eine solche Einrichtung uns mehr als Anerkennung der wissenschaftlichen Bedeutung, des Judentums, denn als wirklich nützliche Schöpfung erfreuen würde. Denn erstens läßt sich die gesamte Wissenschaft des Judentums nicht in einem Lehrstuhle und von einem einzigen i*