Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 16 (1913)
- Article
- Rückblick auf das Jahr 5672
- Date
- 1913-01-01
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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2 ausgedehnte Kreise der jüdischen Bevölkerung Deutschlands. Eine Anzahl von Berufen versagen sich den Juden, weil dazu hauptsächlich gediente Unteroffiziere genommen werden; andere höhere, weil die Ausschließung vom Offizierstande den Juden den Stempel gesellschaftlicher Minderwertigkeit aufdrückt. Sogar konservative Männer, wie der bekannte Parlamentarier Freiherr, von Zedlitz, erkannten die volle Grundlosigkeit dieser Zurücksetzung und ihre bedeutende Schädlichkeit für das Heer selbst in nachdrücklicher Weise an. Werden doch Juden auch nicht zu aktiven Militärärzten genommen, obwohl hier mehr als tausend Stellen unbesetzt sind, zum größten Nachteil für das Heer. Vergeblich tadelt jedes Jahr der Reichstag diese schreiende Versasfungsverletzung; vergeblich nötigt er den Kriegsminister zu den schönsten prinzipiellen Erklärungen. Es bleibt alles beim Alten. Wenn man dem Kriegsminister die überzeugendsten Fälle vorlegt, wo ausgezeichnete und in jeder Hinsicht einwandsfreie jüdische Soldaten nur um ihres Bekenntnisses willen vom Offiziersunterricht ausgeschlossen worden sind, so antwortet er mit „amtlichen" Erhebungen, die auf offenbaren Unrichtigkeiten der militärischen Berichte beruhen — wie sich das jüngst erst in einem Vorkommnisse in Straßburg erwiesen hat. Welche Sünden gerade in den persönlichen Fragen von einigen Offizieren begangen werden, hat sich in dem Falle des christlichen Reserveoffiziers Amtsrichters Knittel gezeigt, wo das Gericht selber amtlich den Hauptmann Kammer, auf dessen „amtlichen" Bericht hin Knittel zu den Offizieren der Landwehr zweiten Aufgebots versetzt worden war, als einen erwiesenen „bösartigen Geistesschwachen" bezeichnete. Es muß leider gesagt werden, daß gerade in Bezug auf jüdische Offiziersaspiranten von den „amtlichen" Berichterstattern unteren Ranges Wahrheit und Geradheit häufig verletzt werden. Nun würde es gar nichts helfen, wenn die parlamentarische Redemaschine hier weiter in dem bisherigen Gange arbeitete. Diese rein formalen Klagen auf der einen, Beschönigungsversuche auf der anderen Seite müssen allmählich geradezu Ekel Hervorrufen. Hier bleibt nur