Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 15 (1912)
- Article
- Der Mischpocherentner
- Date
- 1912-01-01
- Page
- Seite 278 (sequence 67)
- Language
- German
- Belongs to
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278 Patriot. Nichts ging über seinen „Kaiser" und über/ sein „Wien". Wieso er zu dieser Treue kam, wußte/' niemand, er selbst kaum zu erklären. Es war eben so, „da war nichts zu machen!" Was in diesen höfischen- Kreisen sich ereignete war für ihn von höchster Wichtigkeit. Er kannte jede Hofansage auswendig, und die Berichte' von den Wiener Festlichkeiten waren ihm die liebste/ Unterhaltung. Die „Fürstin Metternich" spielte in seinem Dasein eine so große Rolle, als wäre er bei allen ihren- Wohlfahrts-Veranstaltungen Zeuge ihrer Erfolge. Unddann gab es noch ein Land wo er Bescheid wußte wie kein zweiter. Das war Rußland. Am Zarenhof: dem' Zaren, der Zarin, ihren Kindern, sämtlichen Großfürsten mit ihren Gemahlinnen und Geliebten wußte er genau Bescheid. Er kannte die Minister, die Häupter der Verschwörungen, die alten und die neuen Einrichtungen des Landes. Er wußte um alle Beamtenunterschlagungen, um die Verfolgungen, die Verbannungen, die revolutionären Umtriebe und die Gemeinheiten der echt russischen Leute. . Alles was das Leben in diesem reizvollen Lande aufwühlt an Rückständigem und Unwahrscheinlichen: war ihm geläufig, so weit er es in seiner Zeitung verfolgen konnte. Er kannte jeden Pogrom von Sibirien und Alt-Rußland' an bis an die Grenzen europäischer Kulturländer, und/ wie er sein Oesterreich liebte, so haßte er dieses Land, aus allen Kräften seiner Seele, und nannte es als Ausdruck seiner tiefsten Verachtung nur „Asien". So konnte! man ihn den lauschenden Nachbarn erzählen hören: „In Asien war schon wieder ein Pogrom: zu Buß gesagt, in Lodz", oder „in Asien haben sie Pobodonowscheken nach Livadia berufen. . Neben seiner Zeitung aber gab es für ihn noch eins. Die Familie, der er zugehörte und die sein höchster Stolz geworden war, im Laufe der Zeiten. Alle Vorkommnisse/ im Familienkreis wurden ihm mitgeteilt. Und er gab bei allen Anlässen, in Freud und Leid in. kalligraphisch geschriebenen pathetischen Briefen seiner Anteilnahme an den Ereignissen Ausdruck. So zog sein Leben dahin, still und friedlich und seine „jüdischen Tage" die Sabbate-