Mannheim
Compact Memory

Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur · 1912-01-01 · 15 (1912) · p. Seite 277

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
Volume
15 (1912)
Article
Der Mischpocherentner
Date
1912-01-01
Page
Seite 277 (sequence 66)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3111067-3111096-3115687--4260-3115976
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

277 sogar hervorragende Stellen ein. Dahin und dorthin hatten ihre Lebensschicksale sie geführt. Es gab Eisenstädters in Wien, in Berlin, in London und New Jork, überall in ausgezeichneten sozialen Positionen. Sie hafteten nicht an der Scholle, aber einer von ihnen lebte in einem weltfernen kleinen Oertchen, der für sie alle das Heimatsgefühl in sich kristallisierte. Im „Stammhaus", wie er die alte, längst baufällig gewordene Gemeindeschule nannte. Saul Eisenstädter! Und sie achteten ihn und wetteiferten, ihm Gutes und Liebes zu erweisen, wenn auch die wenigsten von ihnen ihn persönlich kannten. Aber sie kannten sein Leben und feine Lebensart, und dieses Verharren im Hergebrachten, dasfgemildert durch das Alter und den Frieden seiner Tage, die Form des Eigensinns längst verloren hatte. Und wenn sie zusammentrafen, dann plauderten sie gern von ihrem „Mischpocherentner" und amüsierten sich köstlich, wennFrau Jetti, die ihn von Zeit zu Zeit besuchte, erzählte, wie er seinen Landsleuten und Glaubensbrüdern mit seiner politischen Weisheit und sonstigen Kenntnissen imponierte, wenn er das, was er in seiner Zeitung gelesen, ihnen zum besten gab. Denn immer noch las er die „Neue freie Presse" vom Kops an bis zu den verantwortlichen Feststellungen der letzten Zeile: vom Druck und Inseraten und Papier. Wort für Wort, mit pedantischer Genauigkeit, und erst als er sich halblaut versichert hatte, daß auch darin nicht die mindeste Aenderung eingetreten war und Alles blieb wie bisher, und Tag für Tag, war er befriedigt. Dafür war er auch ein unbedingter Kenner aller Ereignisse des öffentlichen Lebens geworden. Politik, Kunst, Wissenschaft, Theater, kommunale Angelegenheiten, die Chronik des Tages mit ihrem vielgestaltigen Treiben, Erdbeben, Wasser- und Feuersnot, nichts entging seinem wachsamen Auge. Und wenn er auch manchmal den griechischen Kronprinzen zum König von Abessinien machte, oder den Sultan nach Spanien versetzte, er wußte um Abessinien, dem Sultan und Spanien, und sprach darübermitgroßerSicherheit. Ganz zu Hause aber war er in den Balkanstaaten, denn das ging Oesterreich an, und dieses Land liebte er, wie ein echter

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.