Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 15 (1912)
- Article
- Der Mischpocherentner
- Date
- 1912-01-01
- Page
- Seite 276 (sequence 65)
- Language
- German
- Belongs to
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— 276 mir immer Mittag abhole. Die Apotheke ist ganz in meiner Nähe. Die Leute wußten hier garnicht, daß es so was gibt und ich erklärte ihnen, daß ich das in Wien gesehen habe. Der Herr Apotheker war ganz einverstanden als ich es ihm offerierte. Ich bezahle dafür 50 Kreuzer monatlich und gebe sie dann am nächsten Tage wieder in ,,sub" dem Hilfslehrer von der Volksschule, Herrn Waniek ab, ein sehr gebildeter Mann, für 20 Kreuzer monatlich und so kostet mich meine Zeitung 30 Kreuzer monatlich und ich habe sie bei mir zu Hause und kann sie lesen und gründlich ausstudieren, wie es mir beliebt. Mit vielen Grüßen an Bruder Josef, Rudi, Edy und Malchen und ihre Freunde, verbleibe ich Dein treuer Schwager Saul Eisenstädter. Dieser Brief erregte, wie Saul richtig vermutete, herzliche Freude in der Familie. Besonders die Jugend im Eisenstädterischen Hause stellte mit Genugtuung fest, wie gebildeter Ausdrucksweise Onkel Saul sich befleißigte und wie er jede jüdische Bezeichnung vermied, von Ostern und Pfingsten sprach und sogar die „Mazzes" als „Osterbrote" bezeichnete. Das Schreiben wurde von einem zum andern Familienherd gesandt. So gelangte es von Wien aus nach Saybusch an Fannscherl und Selig Weiß, an Regi und ihren Schneidermeister nach Kaschau, an Frau vr. Elieser Eisenstädter nach Teschen, und sogar an Kathi . . . und überall erweckte es bei den Geschwistern, den Schwägern und Schwägerinnen, den Neffen und Nichten lebhafte Teilnahme. Man hatte ein altes Versorgungskind in der Familie, das war ganz gut und erbaulich und schuf einen Zusammenhang mit der Heimat der Väter. Und Edy Eisenstädter, der Witzbold unter ihnen prägte das Wort: „Der Mischpocherentner." Vorwärts und aufwärts schritt die Jugend. Hohen Zielen entgegen. In verschiedenen Gebieten taten sie sich dann hervor und nahmen im öffentlichen Leben angesehene.