Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 15 (1912)
- Article
- Der Mischpocherentner
- Date
- 1912-01-01
- Page
- Seite 273 (sequence 62)
- Language
- German
- Belongs to
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273 Erinnerungsmitteilungen von ihm erhielten, sondern weil auch andere, in dieser Khille geborenen oder sonst zu ihren Mitgliedern in Beziehung stehenden sich an ihn wendeten mit dem Ersuchen, die Jahrzeitstage ihrer Hingeschiedenen Familienangehörigen durch Gebet und Spenden zu begehen. Und es gab ihm einen Nimbus in der Gemeinde, mit wieviel Pünktlichkeit, Gewissenhaftigkeit und echter Frömmigkeit er diesen pietätvollen Wünschen nachkam. Wenn er mit seinem Bratenrock von anno dazumal und seinem glattgebürsteten Cylinder gravitätischen Schritts nach der Synagoge ging, sahen ihm die Leute mit Ehrerbietung nach und jeder wußte, heute wird für das Seelenheil von Herrn oder Frau soundso „Kaddisch" gesagt. Und manch eine Erinnerung, manche Zusammenhänge an die, die dieser Khille entstammten, wurden dadurch lebendig. Saul Eisenstädter verkörperte die Vergangenheit dieses kleinen Gemeindewesens und er wußte auch zu erzählen, was aus dem und jenem geworden, der hinausgegangen war in die Welt, „hinaus ins feindliche Leben," wie er es noch immer nannte. Von gutem Vorwärtskommen, von gesicherten Existenzen, glänzenden Karrieren konnte er berichten, auch von manchem Untergang und manchen Gescheiterten. So erhielt er immer einen Kontakt aufrecht zwischen der kleinen, altjüdischen Heimat und der großen Welt draußen. Und wenn er „Schabbesnachmittag" in dem engen, niedrigen Kaffeehaus, an der Ecke des Marktplatzes, nach „Mincha" seine „Schale Melange" trank, den einzigen Luxus, den er sich allwöchentlich gönnte, sammelten sich um ihn seine Glaubensgenossen und hörten ihm zu. So wurde er allmählich eine „Persönlichkeit" in der Khille. Denn nicht nur für das Schicksal der Einzelnen erweckte er Interesse, auch das Weltgetriebe, das er in seiner Art verfolgte, brachte er ihrer Teilnahme näher. Schon zur Zeit, da er in Wien lebte, hatte er in dem geistig belebten Hause seines Bruders seine Aufmerksamkeit den Ereignissen des öffentlichen Lebens zugewendet. Er las die Zeitung von der ersten bis zur letzten Zeile, natürlich anders, als in seiner früheren mechanischen Lesegewohnheit. 18