Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 15 (1912)
- Article
- Der Mischpocherentner
- Date
- 1912-01-01
- Page
- Seite 271 (sequence 60)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3111067-3111096-3115687--4254-3115970- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
271 Ihre Energie war wieder erwacht und sie setzte sich nieder und schrieb in diesem Sinne an die in Betracht kommenden Familienangehörigen. * * * Saul Eisenstädter hatte seinen Einzug in die alte Heimat gehalten. Ganz nach seinem Wunsche mit einem von der Mischpoche für ihn zusammengebrachten Monatsbetrag, der es ihm ermöglichte, ohne Sorgen ruhig und still seine Lebenstage dort zu verbringen und dereinst zu beschließen. Das hatte noch gute Wege. Als er damals Wien verließ, fünfzig Jahre alt, hatte sein Bruder Josef ihm noch ins Eisenbahnkupee nachgerufen: „Fahr gesunderheit und mög' es Dir gut gehen, bis hundert Jahr zu gesund." Und es scheint, als sollte dieser Wunsch in Erfüllung gehen. Denn rüstig und mit geschonten körperlichen Kräften trat er in den Ruhestand, ein „Rentner" von Familiens Gnaden; der Mischpocherentner! So lebt er dort seit vielen Jahren, in einer so gleichmäßigen, behaglichen Weise, daß nichts ihn, den Erschütterungen und Erregungen aussetzt, die sonst am Lebensmark der Menschen zehren. Er hatte sich eine ganz eigenartige Stellung in der „Khille" geschaffen. Als Sohn des Melameds und Vorbeters Israel Eisenstädters, seligen Angedenken, genoß er vorweg eines gewissen Ansehens, dann galt er als ein hochgebildeter Mann, der in Olmütz und Wien. gelebt, und dort von der großen Welt doch viel gesehen hatte. Dazu wußte man, daß er schon von frühester Kindheit an immer viel gelesen hatte und folglich auch viel wissen mußte, und man rechnet es ihm hoch an, daß ein Mann wie er, in die alte Khille zurückgekehrt war, um dort seine alten Tage zu verleben. Er war völlig unabhängig und bekam sein Geld regelmäßig am ersten jeden Monats, was der Geldbriefträger unter „strengster Diskretion" jedem erzählte, der sich dafür interessierte.