Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 15 (1912)
- Article
- Der Mischpocherentner
- Date
- 1912-01-01
- Page
- Seite 270 (sequence 59)
- Language
- German
- Belongs to
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— 270 — mit neuen Hoffnungen und Wünschen sich dem Leben wieder zuzuwenden. Herrlich wuchsen Eliesers Kinder heran, wie ihre eignen, dachte sie, und auch an Fannscherls zahlreicher Familie und an Regis beiden Söhnen erlebten sie Freude. . . Die Jugend gedieh! Die Alten aber mußten scheiden! Von ihnen allen war allein nur noch ihr geliebtes Mütterchen da, „bis 100 Jahr" sprach sie aus ihrer Gedankenkette inbrünstig vor sich hin, und erfreute sich des Glückes ihrer Kinder und Enkel, denen es, wie ihr „unberufen" sehr gut ging. Und jetzt?! Wie merkwürdig, jetzt waren sie, die nächste Generation, unmerklich beinahe in die gelichteten Reihen der Alten eingerückt. Daran hatte sie gar nie gedacht, so jung und frisch fühlte sie sich, und so sah sie die andern ... die Schwäger und Schwägerinnen, und so dachten wohl auch diese. Nicht Alle! War nicht soeben erst vor wenig Stunden einer bei ihr, der sagte: „Ich bin alt, ich will mich zur Ruh' setzen. . ." Der Aelteste von ihnen allen, allerdings, aber derjenige, der eigentlich am wenigsten gearbeitet hatte ... wiederum stieg ein jäher Zorn in ihr auf, kaum daß er überhaupt etwas gearbeitet hat, überlegte sie in wieder aufwallender Erregung. Da blickte sie auf den Brief, den sie noch immer in ihren Händen hielt, und sich emporraffend, suchte sie ihrer Erbitterung Herr zu werden und mit einem befreienden Atemzug rief ftc_, plötzlich: „Vielleicht ist er so früh alt geworden, weil er nie jung gewesen ist!" Sie blickte um sich und fand sich allein bei ihren laut ausgerufenen Worten, und lächelnd setzte sie ihr Selbstgespräch fort: „Jetti Eisenstädter, geb. Friedmann, Du predigst hier vor leeren Wänden, aber hoffentlich, wirst Du nicht vor tauben Ohren predigen, wenn Du der Mischpoche zurufen wirst: „Brüder Saul will sich zur Ruhe setzen, fragt nicht, wie ich es tat, wie so? warum? wo von? sondern kommt und gebt und helft."