Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 15 (1912)
- Article
- Der Mischpocherentner
- Date
- 1912-01-01
- Page
- Seite 265 (sequence 54)
- Language
- German
- Belongs to
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265 ihrem Empfindungsleben immer lebendig und gegenwärtig, an den dies Schreiben gerichtet war. Und dann trocknete sie ihre Augen und las mit halblauter Stimme: „Hochwürdiger Herr Rabbiner! Theuerster Freund! Stets aufs Neue empfinde ich es als Glück, Sie so nennen zu dürfen, wie ich Sie vor langen, langen Jahren einziehen fühlte in meine Seele, ein Freund! Gewonnen in kurzen Stunden des Beisammenseins, die aber Ewigkeiten von gemeinsamen Ideen, Welten von gleichen Anschauungen, Höhen und Tiefen von gleichen Empfindungen der Glaubenstreue umschlossen. Schienen Wünsche und Hoffnungen scheinbar manchmal auf verschiedenen Pfaden dem Ziele zuzustreben, die , Gedanken fanden sich stets auf dem einen Punkt wieder, dem Treffpunkt unserer Gefühle und Betrachtungen; Leben, Entwicklung unserer Glaubensgenossen! Sie sahen nachsichtiger, freudiger in die Zukunft, ich schärfer und skeptischer. Sie der milde Priester und Seelensorger, ich der im Beruf hartgeschmiedete Arzt. Und Gott Lob und Dank, es scheint als sollten Sie Recht behalten. Es keimte sichtlich und regte sich auch bei uns vieles im Laufe dieses Vierteljahrhunderts, was ich fruchttragend nicht sobald erwartet hätte. Mir schien es damals, als wir uns zuerst begegneten, als trennen Jahrhunderte das Judenleben jener Zeit in den kleinen Gemeinden von der übrigen Kulturwelt mit ihren unermeßlichen Bewegungsmöglichkeiten. Hier das starre, erstarrende Verharren, dieses Nichtleben- und Nichtsterbenkönnen, und dort jener gewaltige Ansturm, jenes Sichausbreiten, Recken, Kräfteregen, dieses Sichhervorthunwollen, eoüttz qne coüte, neuen Zielen entgegen, neue Welten erobernd! Und nun finde ich, auch bei uns die Jugend auf dem Marsche. Die heutige Generation schreitet muthig und munter aus. Ich beobachte es mit Freude und Befriedigung und was einst ein Hindernis auf ihrem Wege war, dieses enge, ängstliche, hoffnungslose Verharren im Hergebrachten,