Mannheim
Compact Memory

Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur · 1912-01-01 · 15 (1912) · p. Seite 264

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
Volume
15 (1912)
Article
Der Mischpocherentner
Date
1912-01-01
Page
Seite 264 (sequence 53)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3111067-3111096-3115687--4247-3115963
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

264 Frau Jetti Eisenstädter war von diesen Vorstellungen, Gedanken, Erwägungen ganz aufgeregt. Und als ihr Schwager sie verlassen hatte, dauerte es eine ganze Weile, ehe sie zu ruhiger UeLerlegung sich emporraffte und an ihrem Geiste diese Unterredung und ihre möglichen Konsequenzen vorüberziehen ließ. Tief in die Vergangenheit blickte sie zurück, bis zu jenen Tagen, wo sie Josef Eisenstädter zum ersten Male gesehen, in seinem Vaterhause und im Kreise seiner Geschwister, an einem glücklichen Tage, einem frohen Merktage der Familie. Und ■ Leid und Freud' waren an dieser Familie vorübergezogen, der sie nun auch seit länger als zwanzig Jahren angehörte, und diese Geschwister hatten sich durchgerungen, und einer davon war ihr Mann geworden, den sie ehrte und liebte, und der andere, Elieser, gar, war ein Rabbiner gewesen, hochgeehrt von seiner Gemeinde und fein und edel, der Stolz seiner Angehörigen und glücklich verheiratet in einer mit herrlichen, herzigen Kindern gesegneten Ehe, aber leider in schönstem Mannesalter abberufen, nach Gottes unerforschlichem Willen. . . Tränen entströmten ihren Augen, als diese Zeiten schwersten Leides und Kummers für die ganze Familie in. ihren Erinnerungen wieder lebendig wurden, und hastig erhob sie sich, öffnete eine Truhe, in der sie die wertvollsten Angedenken und Stücke ihres bescheidenen Besitzes aufbewahrte, und kramte eine alte Ledermappe aus, die von ihrem sel. Vater stammte und die sie hoch und heilig hielt. Sie entnahm ihr ein Bündel Briefe und suchteeinen Brief heraus, den sie schon oft gelesen und in bangen, sorgenvollen Stunden daraus Trost und Erhebung geschöpft hatte. Er trug die Adresse: „Sr. Ehrwürden Herrn Rabbiner Or. Emanuel Friedmann" zu Saybusch Mit bebenden Lippen wiederholte sie diese Aufschrift mehrere Male, und aufs Neue feuchteten Tränen ihr Auge und verdunkelten ihren Blick. Ihr Vater, ihr heißgeliebter Vater war es, heißgeliebt über das Grab hinaus,

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.