Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 15 (1912)
- Article
- Der Mischpocherentner
- Date
- 1912-01-01
- Page
- Seite 262 (sequence 51)
- Language
- German
- Belongs to
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262 da sie ja auch jemanden haben müssen und dies lieber ihm zu Gute kommen lassen wollten, mit einer Gehaltsverbesserung von 50 auf 60 Gulden, antwortete er lakonischr. „Der Mann muß hinaus ins feindliche Leben! Ich komme". Schon wenige Tage nachher traf er in Wien ein, Herr Josua Pollak ließ ihn ziehen, ohne auf die übliche Kündigungsfrist zu bestehen. Seitdem war er dort, vollzog die ihm aufgetragene Arbeit pünktlich, aber sonder Eifer und sonder Hast, und besorgte die Inkassos bei den Kunden Josef Eisenstädters, mehr zur Zufriedenheit der Schuldner, als des Gläubigers. Initiative und- Energie beim Präsentieren der Rechnungen war nicht seine Sache, und aus seiner Ruhe ließ er sich auch durch die hartnäckigsten Schuldner nicht bringen. Es kam oft vor, daß er tagelang in entfernt gelegenen Bezirken seine Rechnungen vorlegte ohne einen Kreuzer Geld heinizubringen. Auf die Vorhaltungen, die sein brüderlicher ' Chef ihm machte, antwortete er nur kurz: „Da ist eben nichts zu wollen. Ich soll wiederkommen." Und er kam wieder, drei bis vier Mal, endlich zahlte man doch, und Josef und Jetti hatten sich allgemach an die gelassene Art mit der er sein Amt verwaltete gewöhnt. Da war eben nichts zu wollen! Das zweite Ereignis, das einige Unruhe in fein Dasein brachte, war eine „Brautschau", zu der ihm eine Heiratsvermittlerin, die schon einen größeren Betrag für Kohlen schuldete, überredete. Sie wollte ihm zu einer guten „Partie" verhelfen, gegen Erlaß des Schuldbetrages an seinen Bruder. Das war fünf Jahre nachdem er seinen Einzug in Wien gehalten hatte. Damals ließ er sich seinen Bratenrock, bauen und kaufte sich einen Zylinder, um angemessen vor der Witwe Teumann sich zu präsentieren, die für ihre Greislerei einen Menschen suchte, der als Ehemann „reinheiraten" sollte. Warum nichts daraus wurde, obwohl die „Schatchente" alles aufbot, um ihren Schuldschein zu verdienen, ist nie Brecht bekannt geworden. Ob er oder sie nicht wollte, ob die Greislerei ihm nicht behagte, oder er sich trotz feiner langen Lehr- und Dienstjahre in Mehl und Gegräupe nicht geeignet