Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 15 (1912)
- Article
- Der Mischpocherentner
- Date
- 1912-01-01
- Page
- Seite 261 (sequence 50)
- Language
- German
- Belongs to
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261 Melodie rauschte durch die Laubkronen der Prateralleen, Alles mit Lust und Harmonie erfüllend. Die Atmosphäre der Wienerstadt bis ins letzte Viertel des vorigen Jahrhunderts. Und in dieser Atmosphäre gediehen die Eisenstädters und die sich um sie gruppierten. Und sie wuchsen, wenn auch nicht an äußern Gütern, so doch an moralischer Kraft. Still und wortkarg in der Ecke saß einer, der diese Wandlungen, diesen Aufschwung als geheimer Beobachter un sich vorüberziehen ließ. Saul Eisenstädter! Sein Bruder Josef hatte ihn vor zwanzig Jahren zu sich ins Geschäft genommen, nachdem er die Ueberzeuguug gewonnen hatte, daß für ihn keine Aussicht auf ein weiteres Fortkommen bei Josua Pollak oder sonst wo zu erreichen wäre. Bis auf 60 Gulden monatlich hatte er es gebracht, damit war jede fernere Steigerung erledigt. Er leistete nicht mehr und gab sich auch keinerlei Mühe mehr zu tun, um mehr zu erlangen. Die 50 Gulden genügten ihm zur Bestreitung seiner Bedürfnisse und fehlte es mal da und dort, so waren die Brüder und Schwester Fannscherl stets bereit, aushelfend einzugreifen. Wozu also sich anstrengen? Der gewohnte Trott schien ihm die bequemste und angemessenste Lebensweise. Hochaufgerichtet, an Länge seine Geschwister und überhaupt die meisten Menschen überragend, besonders die vornübergeneigt und gebückt einherziehenden Glaubensgenossen aus seiner Zeit, erschien er sich sehr würdig, sehr wichtig, sehr überlegen und konsequent. Die Welt in der er existierte an Bildung überragend, denn seine Leidenschaft fürs Lesen hatte er beibehalten und jetzt auch mit günstigerem Erfolg für seine geistige Entwicklung. Diese wies gewisse Erweiterungsmerkmale auf, besonders feit er im Hause seines Bruders lebte. Diese Ueberfiedlung von Olmütz nach Wien war das erste große Ereignis in seinem Leben. Als ihm sein Bruder eines Tages schrieb, daß er und seine Frau beschlossen hätten, ihn zu sich zu nehmen, in ihr Geschäft als Einkassierer,