Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 15 (1912)
- Article
- Der Mischpocherentner
- Date
- 1912-01-01
- Page
- Seite 260 (sequence 49)
- Language
- German
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260 Rudi und Edy schneiderte sie, und keine Mühe und Arbeit schien ihr zu groß, um den Kindern alle Freundlichkeiten und Nettigkeiten des Daseins zu schaffen, und über allen ertönte ihr Lachen und Singen, glänzte ihr Schäkern und Spielen. Das war ihr Schmuck, mit dem sie nicht nur sich, sondern das Haus und den Mittelpunkt desselben, die Kinderstube schmückte. Als die Kinder dann heranwuchsen suchte sie ihnen einige ebenfalls begabte Kameraden aus, um die sie mit mütterlicher Sorge sich kümmerte, und gemeinsam lernend, gemeinsam die Erholungsstunden genießend, wurde ihnen allen das Haus Eisenstädter eine Heimat. So erweiterte sie die engen Grenzen dieser kleinen Welt, und wenn sie sich dann, unbewußt säst heimliche Ausblicke gestattete, in prangende Fernen, war das kein Wunder, und wohlbegründet in dem gedeihlichen Leben, in dem sie die Kinder erzog. Die neue Zeit lugte auch längst in die einfachen, stillen Räume, kaum daß sie es merkte, das Leben der Großstadt brandete an den ruhigen, friedlichen Strand ihres Heims und umspülte es mit seinen Wogen. Die Söhne bekamen Interesse für Theater, Musik, Kunst, Litteratur. In das sonst ereignislose Stilleben des schlichten jüdischen Hauses kamen Anregungen, von denen Josef Eisenstädter und seine Frau sich nie etwas hatten träumen lassen. Aber Frau Jetti hielt wacker mit. Man stellte sich Einlaß begehrend vor die „Burg", man kletterte bis in die höchsten Ränge hinaus um die großen Opernwerke zu hören, man besuchte Konzerte und Vorlesungen, verbrachte die Sonntag-Vormittage des Herbstes und Winters in den berühmten Wiener Kunstsammlungen, während die Sonntage des Frühlings und Sommers mit Tagesausstügen in den einzig schönen, Wienerwald, mit seinen anmutenden Hügelketten und den schönen Donaustromgeländen, ausgefüllt wurden. Allen voran immer Frau Jetti. Während die Winterabende der Woche, soweit es die Studien zuließen, zu guter, gediegner Lektüre angewendet wurden, breitete der Sommer die liebenswürdige Praterfröhlichkeit um sie aus. . . Musik: Wiener Walzer, schneidige Märsche, Rythmüs, Klang.