Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 15 (1912)
- Article
- Der Mischpocherentner
- Date
- 1912-01-01
- Page
- Seite 249 (sequence 38)
- Language
- German
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249 gangenheit unseres Volkes, wollte Gott, er würde wieder seine Zukunft!" Er gab dann dem Rabbiner Auskunft über die Verhältnisse des Lehrers. „Arm, kinderreich und sehr brav. Ohne besondern Intellekt, oder vielleicht ohne Möglichkeit ihn zu entwickeln, wenn er vorhanden. Jahrein, jahraus mit den Kindern das gleiche Pensum des hebräischen Unterrichts abhaspeln, nicht über die Anfangsgründe hinaus, denn viel weiter reicht das eigne Wissen wohl nicht. An Sabbat- und Feiertagen die üblichen Litaneien vorbeten, im gleichen Singsang, mechanisch, gewohnheitsmäßig und in diesen: engen Gesichtskreis nur eine erweiterte Perspektive: Die Sorge! Das geht nun Jahr um Jahr so, eine lange Reihe von Jahren. Ich kenne ihn seit 20 Jahren nicht anders. Damals kam ich her. . ." „Darf ich fragen, was einen Mann wie Sie bestimmte, sich in einem so kleinen Orte niederzulassen?" Ein wehmütiges Lächeln umspielte die Lippen des Arztes. „Wirtschaft, Herr Rabbiner, Wirtschaft! Ich war mit meinem Studium zu Ende. Wohlhabende Verwandte hatten es mir ermöglicht. . . und ich fand das so natürlich, wie alle andern in gleicher Lage. Aber dann als ich fertig war ... ein Arzt, wenn auch völlig mittellos, da regte sich in mir der Wille, aus eigner Kraft vorwärts zu kommen . . . wie? Du besitzt doch etwas, sagte ich mir, Dein Wissen! Nutze es aus, verdiene selbst das Brot, das Du ißt und so nahm ich kurz entschlossen die Landarztstelle an, die man mir bot, oder richtiger durch Protektion verschaffte. Protektion! Das ist allerdings auch so'ne Krücke! Aber auf die konnte ich beim Anfang doch nicht verzichten und späterhin habe ich wiederum manchem damit einen Stützpunkt gegeben. Denn hier in der kleinen „Khille" tats oft not, dem und jenem aufs Sprungbrett zu helfen". „Und fühlen Sie sich wohl hier in dieser kleinen Welt? Für eine Persönlichkeit wie Sie, doch viel zu eng begrenzt."