Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 15 (1912)
- Article
- Der Mischpocherentner
- Date
- 1912-01-01
- Page
- Seite 250 (sequence 39)
- Language
- German
- Belongs to
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— 250 — JD, doch, Herr Rabbiner! Wer in einer äußerlich kleinen Welt lebt, muß versuchen in sich eine größere auszurichten. Das habe ich getan. Als ich herkam, dachte ich, es solle nur für eine kurze Zeit sein, so ein Uebergangsstadium ungefähr. Aber ich kam bald in eine große Arbeit hinein. Die Cholera im Jahre 1866 war mein ärztliches Debüt. Da gabs viel zu tun und in der Praxis auszuüben, was man in seinen Examina als verbrieftes Recht erworben hätte. Anfangs schauderte, ich vor der Verantwortung, aber dann sagte ich mir: hie rhodus, hie salta und mit Mut und Energie stellten ich mich dem fürchterlichen Feind in den Weg. Bei solchem Seuchenzug, damals noch unerforscht, in den Hilfsmitteln ihn auszuhalten, war das für einen Neuling schwierig. Aber ich gewöhnte mich.ans Sterbensehen und ich versuchte zu heilen. Das gelang, viel besser, als ich zu hoffen gewagt. Ich sehe es heut noch als ein Wunder an. Nach einigen unter meiner Behandlung günstig verlaufenen Fällen wuchs das Zutrauen zu mir selbst, aber was war das, im Vergleich zu dem Vertrauen, das mir die armen, von der Cholerafurcht angstgepeitschten Menschen entgegenbrachten, Christen und Juden und gar die von der Seuche ergriffenen. Alles erwarteten sie von dem Arzt! Ich erlebte in diesen trostlosen Wochen die ganze Schwere und Bedeutung meines Berufes. Besonders in den armseligen Heimstätten unserer Brüder! Der Jude fürchtet den Tod mehr als der Christ. Und von mir, ihrem Glaubensgenossen verlangten sie, daß er ihr Retter sei. Ich durfte es ihnen in vielen Fällen werden, und als der Todesengel vorübergezogen war, nach allzu reicher Ernte, war ich an diese Scholle gefesselt. Man ließ mich nicht fort, nicht Christ noch Jude. Und ich hatte den ärztlichen Beruf, in so banger Zeit zuerst erprobt und ausgeübt, schätzen und lieben gelernt. Diese Leidenszeit hatte mich gehärtet und gestählt, So blieb ich. Die schwere Not hatte mich mit diesen Menschen zusammengeschweißt. Ich richtete später mein Heim hier auf, führte mir die Gattin her, die mir holde Kinder schenkte, und unser Dasein wurde ein