Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 15 (1912)
- Article
- Der Mischpocherentner
- Date
- 1912-01-01
- Page
- Seite 247 (sequence 36)
- Language
- German
- Belongs to
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— 247 — Während ich sie rein wirtschaftlich behandle, im sozialen Sinne. Grade aus meiner tiefen, schmerzensreichen Treue, zum Judentum und meinen Glaubensgenossen. Wer, wie ich als Arzt unter ihnen lange Jahre lebt, gewinnt sichere Einblick in chre Wesensart und kann sich der Erkenntnis nicht entziehen, daß in dieser selbstverständlichen Hilfsbereitschaft, die auch ich auszuüben bemüht bin, — aber, daß ich es Ihnen nur offen sage, ohne innere Ueberzeugung, — geringe erzieherische Werte stecken. Man gibt aus Bequemlichkeit, und sie nehmen aus Gewohnheit!" „Aber, um Gottes Willen, wie können Sie das sagen, Herr Doktor?" „Ich darf es sagen, weil meine gewonnene Einsicht mich leider nicht stark genug gemacht hat, mein „jüdisch Herz" zu verleugnen." Das Gespräch war trotz der innern Erregung der beiden Männer, leise geführt worden und niemand merkte, oder ahnte, welche Fragen von weittragender Bedeutung hier bei dem Hochzeitsmahl des armen Lehrers angeschnitten wurden, von diesen geistig hochstehenden und das Judentum hochhaltenden Männern. Um sie herum tobte die immer lauter werdende Lustigkeit des Festgewühls. Kreischen, Schreien, Ausgelassenheit und jenes lebhafte, von Gestikulationen unterstützte Sprechen, dialektisch, beweisend, eindringlich. In Klang und Farbe noch vollster Orient! „Ja, aber glauben Sie, daß sich das jemals ändern ließe?" fragte jetzt Or. Friedmann und sein Blick'umfaßte beinahe sorgenvoll die Gesellschaft. „Ich glaube es nicht," antwortete mit eineni tiefen Seufzer der Arzt, „und wenn sich das, was ich heute bemängle, morgen wiederholte, ich täte es wieder! Immer wieder werden wir für die Aussteuer armer Bräute sorgen und ihre Hochzeitsfeste bestellen und an ihrer Feier teilnehmen, wir und unsere Kinder, und immer wieder werden die andern, instinktiv fast, bestrebt sein, die Standesunterschiede zu verwischen, und immer wieder werden wir unser Mitgefühl in uns rege machen und es wach erhalten und immer wieder werden wir die Gebenden