Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 15 (1912)
- Article
- Der Mischpocherentner
- Date
- 1912-01-01
- Page
- Seite 245 (sequence 34)
- Language
- German
- Belongs to
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245 „Wo sollen sie nur das Gold hernehmen?" fragte der Rabbiner in mitleidigem Tone, „in dem Druck, der Engnis und Versorgtheit unserer Daseinsbedingungen findet sich kein Edelmetall. Das Lachen, das gesunde, kräftige und kräftigende, das als die Heilgymnastik der Seele gilt, mußte ein Volk verlernen, das seit Jahrhunderten immer nur unter dem niederdrückenden Pst! Pst! lebt. Lachen schallt laut und ist eindringlich und da hieß es: nur immer hübsch sachte und still! So wurde aus dem Lachen das Kichern, aus dem Humor das Witzeln!" Der Arzt sah den Rabbiner nachsinnend an. „Das hat etwas für sich, Herr Doktor! Aber mich hat es immer verdrossen, wenn ich diese heimlichtuende Fröhlichkeit sah. Dieses Flüstern und Kichern und ich beneidete schon in den Hörsälen der Universität das derbe, laute Draufgängertum der Kommilitonen. Das dröhnende Lachen, das elementare Anfassen der Dinge. Nicht drum rum, wie wir, sondern fest drauf los!" ,/Lie, Herr Doktor?" rief der Rabbiner erstaunt. „Sie beurteilen die Situation ganz richtig, Herr Rabbiner, wenn Sie verwundert sind, einen jüdischen Arzt in einer kleinen Landgemeinde, bei so merkwürdigen Betrachtungen zu überraschen. . . . Aber gerade weil ich unsere Glaubensbrüder liebe, weil ich Anteil nehme an der Mühseligkeit ihres Lebens, regt sich manchmal Wunsch und Frage in mir, warum sie so gar nicht über sich hinauswachsen können, niemand und keiner . . . und wenn ich dann einmal einen Mann, wie Sie, verehrter Herr Doktor, neben mir habe, drängen sich meine sonst stummen Fragen auf die Lippen und werden lebendig. Sie wissen vielleicht aus eigner Erfahrung wie wohl das tut, sich mal vor Gleichgesinnten von Herzen reden zu können." „Gewiß, Herr Doktor, und ich höre Ihnen gern zu." „Aber das Kapitel ist traurig und gehört eigentlich nicht an eine Hochzeitstafel. . . ." „Warum nicht, Herr Doktor? Sie wissen ja, daß es uns geboten ist, immer und bei jeder Gelegenheit nachzusinnen und den Inhalt des Lebens zu erforschen."