Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 15 (1912)
- Article
- Der Mischpocherentner
- Date
- 1912-01-01
- Page
- Seite 244 (sequence 33)
- Language
- German
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244 klatschen und sonstigen Zustimmungsäußerungen und die Stimmung wuchs zu einer Lustigkeit, wie sie bei diesen, sonst so bedrückten, eingeschüchterten Menschen, sich höchstens noch am „Purim" äußerte. Es kam dazu, daß der Weinhändler Rother dreißig Flaschen Rotwein und eben so viel weißen „spendiert" hatte. Und wenn der Stoff auch etwas säuerlich war, der Gesellschaft mundete er sehr gut, und Herr Lesser Schäfer sagte zu seinem Nachbar: „Sauer macht lustig und der Row, der nicht lustig sem darf, hat ein Extrabouteillchen bekommen." Das stimmte. Für den Rabbiner und den Gemeindevorsteher hatte der Bräutigam einige Flaschen feinen, herben Oberungarwein mitgebracht. Das fanden nun alle ganz selbstverständlich und es störte die Gemütlichkeit nicht. Um so weniger, als das Essen sonst sehr gut war. „Großartig", sagte die Tante Chase aus Olmütz, „ä richtiges Chasseneessen, der Kaiser könnt' davon acheln. . ." Die Tante hatte recht, und wenn jemand, so war sie, aus deren Tassen ein Kaiser einst Kaffee getrunken hatte, dafür kompetent. Die Barches, die Karpfen mit polnischer Sauce, der Schmorbraten mit „saure Gurken und junge Erdäpfel" waren delikat, und nun gar der. . . der Fladen! Dieses Jdealgebäck, aus mürbemTeig, Aepfel, Powidel (Pflaumenmus), Mohn, Rosinen, Mandeln, ja sogar Zitronat, schichtweise angerichtet und in Fett gebacken, war wert, an einer Hoftafel verspeist zu werden. Darin stimmten alle Anwesenden mit Tante Chase überein. Vergnügt flog die Unterhaltung hin und her. Der Lehrer Eisenstädter schaute glücklich auf das Gewühl. Sein Kind würde gut versorgt sein am eignen Herd! Die Verwandten beiderseits schienen zufrieden ... man kicherte, was bei den Juden an Stelle des herzhaften, befreienden Lachens sich größtenteils bis in die heutige Zeit erhalten hat, man plauderte, machte Witzchen über das junge Ehepaar und kicherte wieder. „Ja, diese Witzchen!" sagte Or. Berger mit ernster Miene zum Rabbiner. „Diese Abschlagszahlung auf den Humor, der den Juden leider so ganz fehlt... Mausch elchen und Witze! Scheidemünze! Und noch darunter, wie viel falsches!"