Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 15 (1912)
- Article
- Der Mischpocherentner
- Date
- 1912-01-01
- Page
- Seite 241 (sequence 30)
- Language
- German
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241 durch die Versammelten. Eingeladene und Zuschauer. In gedrängten Scharen füllten sie den Hof und was in seiner niedrigen Umfassungsmauer nicht Platz fand, schwang sich auf diese, oder stand bis auf die Gasse hinaus. Die drei Brüder der Braut, Saul, Josef und Elieser, sowie ein Vetter des Bräutigams, hielten die vier „Chuppestangen" und etwas abseits standen die beiden Schwestern der Braut, die hübsche Regi und die mieße Kathi mit Fräulein Jetty Friedmann, der Tochter des Rabbiners, die dieser auf besondere Einladung mitgebracht hatte, und Fräulein Anna Berger, der ältesten Tochter von Dr. Berger. Die vier jungen Mädchen waren die Brautjungfern, und diebeidenvornehmen, fremden Mädchen erregten das besondere Interesse der Hochzeitsgäste. Es war offensichtlich, daß Fannscherl, durch die Anwesenheit von des Gemeindevorstehers Tochter ausgezeichnet werden sollte, ebenso wie Herr Selig Weiß seine geachtete Stellung dadurch betonte, daß des Rabbiners Tochter ihren Vater begleitete. An diesem herrlichen, unvergeßlichen Tage sah Josef Eisenstädter zum ersten Male Fräulein Jetti Friedmann, die er einige Jahre später als seine Frau heimholte. Der Rabbiner hielt eine sehr weihevolle, rührende Ansprache. Er machte die Braut auf die heiligen Pflichten aufmerksam, die sie in diesem Ehebund übernahm. Nicht bloß als Gattin, sondern als die Mutter seiner verwaisten Kinder, die sie in Liebe und Treue an ihr Herz nehmen solle. So werden gleichzeitig zwei köstliche Blüten aus ihrem Brautkranz erblühen, die Liebe zu ihrem Ehegemahl und die pflichtgetreue Zärtlichkeit für seine Kinder, die fortan auch die ihren würden. Lautes Schluchzen der weiblichen Gäste begleitete seine Rede, und auch die Männer schauten ernst und gerührt darein. Nachdem er auch zum Bräutigam mahnende Worte gesprochen und ihn darauf hinwies, daß er in wahrer Fürsorge, in Güte und echter „Jüdischkeit" seiner Frau zur Seite stehen möge, und ihr die schwere Aufgabe erleichtern müsse, die sie übernommen, schloß er mit dem üblichen Segensspruch seine eindrucksvolle Hede. Es folgte 16