Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 15 (1912)
- Article
- Der Mischpocherentner
- Date
- 1912-01-01
- Page
- Seite 238 (sequence 27)
- Language
- German
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238 und den roten übergroßen Händen, mochte er dem Ideal eines jungen Mädchens Wohl wenig entsprechen und in ihren Träumen von Liebesglück mochte ein Bräutigam Wohl anders ausgesehen haben. Aber Fannscherl hatte als armes Judenmädel kaum Ideale und Träume in dieser Richtung. Selig Weiß war ein tüchtiger „Verdiener" und die gute Versorgung war das Ziel, dem Ideale und Träume zustrebten. Nicht als ein Unrecht sei dies bezeichnet, nur als Tatsache festgestellt. Unter die Haube zu kommen, eines achtbaren Mannes Weib zu werden, galt als das Erstrebenswerteste, gleichviel wie die äußere Erscheinung des zukünftigen Eheherrn sich präsentierte. Erst in der Ehe, die in Hausfrauenwürde und Mutterschaft ihre Glücksbedingungen fand, fingen die Ideale und Träume an, und woben ihre Wünsche und Hoffnungen um diesen Brennpunkt jüdischen Frauenlebens. Auch Fanny sagte sich, daß Selig Weiß der Mann sei, diese Wünsche und Hoffnungen zu erfüllen und so wurde in vollster Uebereinstimmung die Verlobung gefeiert und die Hochzeit auf 8 Tage nach „Schewuos" — Pfingsten — festgesetzt. Das war für den Bräutigam die bequemste Zeit, von der er einem Brautstand nicht zu viel widmen konnte. Er war mit der Spirituosenbrennerei und seinem Ausschank viel zu sehr beschäftigt, noch dazu jetzt wo die helfende Hand der Frau seinem Haushalt fehlte. Es war also notwendig, die Hochzeit zu beschleunigen und mehr als sechs Wochen wollte er zwischen Verlobung und Hochzeit nicht gewähren. Das flüsterte er mit noch einer besonderen Begründung Fannscherl ins Ohr, nachdem die Tnojim — Verlobungsakt — geschrieben waren. Diese wurde über und über rot, was von den anwesenden weiblichen Verwandten kichernd beobachtet wurde. Alle aber waren sehr glücklich. Der Vater und der Onkel Jonas und die Tante Chase, und die Brüder, die zur Verlobung gekommen waren, wozu Josef das Geld ihnen „spendiert" hatte. Die beiden noch im Hause lebenden Schwestern, Gönner und Freunde aus der Khille vervollständigten die Gesellschaft. Es war wirklich ein sehr festlicher Tag. Kuchen und „Brontwen" (Schnäpse), die