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Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur · 1912-01-01 · 15 (1912) · p. Seite 236

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
Volume
15 (1912)
Article
Der Mischpocherentner
Date
1912-01-01
Page
Seite 236 (sequence 25)
Language
German
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. — 236 — jidenes" genannt, allmonatlich erhielten. Die vier Gulden, die sie für ihres Neffen Quartier und Morgenkaffee bekam, waren daher ein sehr erwünschter Zuschuß für sie, und sie behandelte „das Jüngel", wie sie ihn nannte, mit großer Zärtlichkeit. Meist gab sie ihm noch etwas von ihrer „Jausen" (Vesperbrot) ab, und Abends verzehrten sie gemeinschaftlich das Nachtmahl, das für beide wieder nur aus Kaffee und Semmel bestand. Aber Schabbesnachmittag, wenn Saul die Tante und seinen Bruder besuchte, da entfaltete sie ihre ganze Gastfreundschaft. Da war sie nicht mehr die Reschchaudeschjidene, sondern die „Balboßte" die sie gewesen so lange ihr Mann noch nicht verarmt war, was in langer Krankheit, einige Jahre vor seinem Tode eintrat. In dieser Zeit hatten sie alles aufgezehrt, was sie besaßen, erwerben konnte er nichts mehr, und als nichts mehr da war und das Mitleid seiner Glaubensgenossen sich für ihn zu regen begann, starb er. „Es ist gut so", hatte sie damals resigniert gesagt, „nich verleben sollt' ers, von andere Leut eppes zu nehmen" . . . sie selbst aber nahm diese traurigste Abhängigkeit auf sich, mit der Geduld und Demut des „jüdischen Weibes" aus jenen Tagen. Als ein Schicksal, das sie gottergeben trug. Nicht einmal den Humor aus früheren besseren Zeiten hatte sie verloren, und wenn sie ihren ^beiden .Neffen Schabbes Nachmittag den gewärmten Kaffee vorsetzte, > mit einem Stück Butterbarches oder gar einem Stückchen „Gugelhupf"(Napfkuchen),kamsie sichsowichtig und beglückt vor, daß sie gar nicht mehr daran dachte, daß sie einmal eine wirkliche „Balboßte" gewesen war. Dann schenkte sie den Kaffee ein, in zwei Tassen mit breiten goldenen Rändern, zwei Erbstücke von ihren Großeltern, die sie mit aller Zähigkeit aus dem Zusammenbruch ihres Hauses gerettet hatte, und sagte regelmäßig zu ihrem Neffen: „Saulleben, aus der Tass' hat der Kaiser Josef getrunken". Und er erwiderte ebenso regelmäßig: „Was war der Mann von der Kaiserin Maria Teresia." Nach diesen historischen Reminiszenzen unterhielten die Drei sich von Familienneuigkeiten. Was die Brüder von

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