Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 15 (1912)
- Article
- Der Mischpocherentner
- Date
- 1912-01-01
- Page
- Seite 234 (sequence 23)
- Language
- German
- Belongs to
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234 ihm hängen geblieben und er is gekommen, er will äweg. Aber nich wie ein anderer hat er gesprochen, nur: ich will hinaus ins feindliche Leben . . un so is er nach Olmütz gegangen zu Herrn Pollak. . „Und wie sie sehen, bekommt ihm das feindliche Leben dort ganz gut, und von Neujahr wird er schon was verdienen. Jetzt aber, lieber Eisenstädter, bleiben wir bei Fannscherl, ich habe nämlich Eile, ich muß noch einige Visiten machen. . .„ ■ „Wer is krank, Herr Dr.?" Der Arzt, unterdrückte ein Lächeln. Fragen . . ., fragen! dachte er. Fragen müssen sie immer in den wichtigsten und drängendsten Momenten ihres Lebens. Ist es Neugier, ist es Teilnahme? Sie wollen alles wissen und wissen so wenig. Nichts von dem, was über ihren ganz beschränkten Horizont hinausreicht. Dazu gehören eben die Vorkommnisse in der Khille. Wer krank ist, wer geboren wird und wer stirbt, wer Leid hat und wer Freud'? Das ist der ewige Kreislauf ihres Denkens. . . Wer is krank, Herr Dr.? fragt er mitten in diese für ihn bedeutsame Unterredung hinein, und das ist typisch für die ganze Judenschaft. Warum sollte er ihm die Antwort verweigern und mit gewohnter Nachsicht sagte er: „Herr Meier Rechnitz. . ." „Was fehlt ihm?" „Er hat sich den Fuß verstaucht. . ." „Das is doch nich ä so gefährlich, Herr Dr.! Und die andere Visit?" „Die ist wirklich dringender . . .", lachte er, „Frau Pollitzer hat heute früh Zwillinge geboren. . ." „Müsseltow", rief der Lehrer ganz entzückt. „Ja, und es geht ihr ganz gut und die Kinder sind ganz kräftig und werden am Leben bleiben", beugte er weiteren Fragen vor. „Aber jetzt muß ich hin und nur noch schnell, wie heißt der Witwer?" „Selig Weiß ..."