Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 15 (1912)
- Article
- Der Mischpocherentner
- Date
- 1912-01-01
- Page
- Seite 232 (sequence 21)
- Language
- German
- Belongs to
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sichtig und mitleidig sah er solche Eheschließungen entstehen und billigte sie in den meisten Fällen. Ob nun einer allein oder zwei gemeinsam die Last des Lebens trugen? Mann und Weib zusammengegeben durch das Wort Gottes und in seiner tiefsten Heiligkeit und Zweckdienlichkeit es erfüllend, ohne es zu erfassen, mehr dem Instinkt, wie der Vernunft gehorchend. Was sollte so ein gealteter Mann allein anfangen, ohne weibliche Fürsorge? Wer sollte sich um ihn, um seine Kinder, um sein Haus bekümmern, und Sorge tragen, daß diese Armseligkeit einen Schein von Heimat, Zusammengehörigkeit, religiösen Friedens, von Sitte und Erfüllung ritualer Gebräuche erhielt? Es hätte ihn daher garnicht in Erstaunen gesetzt, wenn der Lehrer ihn zum Vertrauten eines Heiratsplanes gemacht hätte. Auch seine Kinder hätten dies gelassen und als selbstverständlich hingenommen, und der zweiten Mutter die Achtung und Liebe entgegengebracht, die der Frau ihres Vaters zukommt, die mit ihm das Ehebett teilt und Sorge und Not. Und Eisenstädter war seit vier Jahren Witwer, das fiel ihm eben ein und er war eigentlich erstaunt, als dieser statt von seiner Wiederverheiratung zu sprechen, schüchtern und verlegen sagte: „Ein Witwer will heiraten, das stimmt Herr vr., aber ich nicht, blos einer, der meine Tochter Fannscherl nehmen möcht. . ." „Der hat jedenfalls einen guten Geschmack, denn Fannscherl ist ein liebes und kluges Mädchen. Wo hat er sie denn gesehen?" i „Er kennt se noch garnicht, aber ein Onkel von meiner verstorbenen Frau redt ihm den Schiddech (die Partie) und er is nicht abgeneigt. . ." „Und sie?" „Sie?" fragte er verwundert, daß sie überhaupt in' Frage käme, „sie? Er ist eine gute Partie!" Es war damals nicht Brauch, daß man die Töchter um ihre Meinung fragte, bei ihrer Verheiratung. Nur die Versorgung kam in Betracht, die Möglichkeit, sie in achtbare, geordnete Verhältnisse zu bringen war das