Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 15 (1912)
- Article
- Der Mischpocherentner
- Date
- 1912-01-01
- Page
- Seite 230 (sequence 19)
- Language
- German
- Belongs to
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230 möcht und kaufen kann. Und wo einer ein Buch hatte, Saul wußte es sich auszuborgen, und wenn er es schon fünfmal gelesen hatte, fing er noch ä sechstes Mal an." „Dabei mußte er aber doch manches Profitieren und vor allem sein Gedächtnis mußte sich dabei gut entwickeln," sagte der vr. nachdenklich. „Es is nich viel dabei rausgekommen, Herr Vorsteher. Wenigstens -nichts gemerkt haben wir davon. Wenn sein Bruder oder Schwester ihn fragten, was hast Du da gelesen, Saul, antwortete er sehr überheblich, das verstehst Du nicht. Ob er selber aber was verstanden hat, wußten wir oßer. . . Nur manchmal sagte er was ganz Närrisches, manchmal sogar in Verse, und wenn seine Geschwister lachten, wurde er Lös und ging tagelang rum. ohne den Mund aufzutun, außer zum Essen. . . Wissen Sie Herr vr., ich Hab' mir schon öfters gedacht, das Lernen taugt nicht für jeden und ich bin doch selber ein Lehrer. Wenn er nicht gelernt hätt', Schreiben und Lesen, hätt er nich gekonnt immerfort lesen. . ." „Aber lieber Eisenstädter, was reden Sie daher? Und hätte nicht gekonnt im Comtor bei Josua Pollak ausschreiben und einschreiben und rechnen und mal ein Mensch werden, der sein Stückchen Brot verdienen wird, vielleicht mehr. . ." „Will's Gott, Herr Dr.! Was ich tun kann, ihn in der Fremd' zu erhalten, tu' ich gern, aber wie? Bei sechs Kinder, leben soll'n se und gesund sein, und mein Einkommen, is es schwer! Mein zweiter Sohn, Josef, verdient sich, Gott sei gelobt, schon was er braucht und gibt noch etwas ab für Elieser, den jüngsten, was studiert in Olmütz und wohnt bei meiner Schwester und hat Schulgeld frei und gute „Plett" bei feine Leute. Für die beiden Hab' ich ausgesorgt. Josef will schon aufs Jahr nach Wien. Er is ein anständiger, guter Mensch und wird mit Gottes Hilfe weiterkommen, und der andere möcht gern studieren und Rabbiner werden." „Na also, sehen Sie, es macht sich schon alles, lieber Eisenstädter, nur nicht den Mut verlieren. . ."