Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 15 (1912)
- Article
- Der Mischpocherentner
- Date
- 1912-01-01
- Page
- Seite 224 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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halb unverschämten Solidaritätsgefühl unserer Leut! In dieser Ideenwelt entwickelte sich auch die Tragikomödie des Lebens von Saul Eisenstädter, des Mischpocherentners, von dem ich erzählen will. In seinem Elternhause war er neben fünf Brüdern und drei Schwestern ausgewachsen. Hatte die dreiklassige Volksschule durchgemacht, dabei durch den hebräischen Unterricht und die Änfangsstudien des Talmud schon erweiterte Bildungsmöglichkeiten gewonnen. Er lernte leidlich und besonders hatte jedes Blatt bedruckten Papiers für ihn eine ungeheure Anziehungskraft. Von der ersten bis zur letzten Zeile las er es durch, gleichviel welchen Inhalts. Ihm meist unverständlich. Die Druckerschwärze an sich hatte es ihm angetan und wirkte auf ihn wie ein magischer Zauber. Diese Eigentümlichkeit begleitete ihn durch sein ganzes Leben und während. feine Brüder sich bereits praktischen Dingen zuwendeten, blieb er mit seiner papierenen Weisheit stets für sich und verharrte dabei in einer Trägheit und einem Stoizismus gegen die weder die schwache Mutter, noch der Vater, der zugleich sein Lehrer war, etwas zu tun vermochten. Saul war scheinbar stets beschäftigt. Er beteiligte sich zwar weder an den Arbeiten noch an den Erholungsstunden und Spielen der Geschwister und der Gemeindejugend, und auf die Frage: wo is Saul? gab es nur eine Antwort: er lest. So vergingen in der Eintönigkeit des Khillelebens seine Kinderjahre, ohne daß etwas aus den latenten Zustand seiner geistigen Fähigkeiten eingewirkt hätte. Zwei von seinen Brüdern . waren jung gestorben, von den andern war der eine in der Lehre, zur kaufmännischen Ausbildung, in Brünn und der jüngste besuchte das Gymnasium in Olmütz, wozu begüterte Gemeindemitglieder ihm verhalfen. Nur Saul, der älteste von ihnen, blieb am heimischen Herd und — las. Ein erkennbarer Nutzen von dieser Neigung machte sich nicht bemerkbar. Dabei war er hoch aufgeschossen, lang und dürr, wie eine Bohnenstange und überragte alle seine Geschwister an Länge und — Absonderlichkeit. Als der