Mannheim
Compact Memory

Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur · 1912-01-01 · 15 (1912) · p. Seite 222

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
Volume
15 (1912)
Article
Der Mischpocherentner
Date
1912-01-01
Page
Seite 222 (sequence 11)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3111067-3111096-3115687--4205-3115921
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

222 „Ja und sie sprechen doch so drollig . . . sagte ich zustiinmend, „und bei Frankels erzählen sie immer so lustige Geschichten . . Mein Vater sah nachdenklich vor sich hin, dann strich er mir über das Haar und sagte ernst: „Und sind doch so traurige Menschen, mein Kind." — Ich ahnte damals nicht, daß mich einmal die Tragik dieser Schnorrerkomik mit schmerzlichem Mitleid erfüllen würde und anregen tieferen Gründen dieser Erscheinung nachzuspüren, um zu erkennen, wie diese Eigentümlichkeit eines „Communismus auf religiöser Basis" sich entwickelt und erhalten hat, bis in unsere Zeit, aus der ich bie- Figur des Mischpocherentners darzustellen versuche. Ehe ich'daran gehe, diese Gestalt in weiteren Zügen festzuhalten, möchte ich anekdotisch noch einiges von der Anschauungsweise dieser Wanderjuden erzählen. Manches davon ist bekannt und geht von Mund zu Munde. Als charakteristisch verdient es aber ausgezeichnet zu werden, daß einer dieser Schnorrer, der in regelmäßigen Abständen die Provinz Posen und Schlesien bereiste, um dort Unterstützungen bei seinen Glaubensbrüdern einzuheimsen, seinem künftigen Schwiegersohn, die Provinz Posen als „Redan" (Mitgift) zusicherte. Oder, daß ein Schnorrer, der mehrfach für die Aussteuer und Mitgift seiner Tochter gesammelt hatte, einem Geber, der inzwischen erfahren, daß diese Tochter längst gestorben sei und ihm sagte: „Ihre Tochter ist doch gestorben", zur Antwort gab: „Sennen Sie der Erbe meiner Tochter oder ich?" Ein anderer, der in einem Hause jahrelang „Plett" aß, brachte eines Tages einen jungen Mann mit, und erwiderte auf die erstaunte Frage der Hausfrau, wieso er dazu komme, „entschuldigen Sie, Madameleben, das is mein Eidam, un dem Hab' ich versprochen die Kost". . . Und gar einer, der auf seinen zudringlichen Wunsch vom Gemeindevorsteher empfangen zu werden, abschlägig beschieden wurde, rief erregt: „Wie haißt, ich bin doch kein armer Mann, ich wollt' blos ä Paar Hosen". Diese Anekdoten entstanden, weil sie einerseits typisch sind für die Naivität, mit der die Schnorrer einen Anteil am

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.