Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 15 (1912)
- Article
- Der Mischpocherentner
- Date
- 1912-01-01
- Page
- Seite 221 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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— 221 — Wir verstanden zwar den Sinn dieser Erklärung nicht, aber meine Schwester, die Lurch's Schlüsselloch lugte, sagte: „Papa schmunzelt, der Schnorrer muß was Komisches gesagt haben" und dann nahm er aus der Maßerkasse ein größeres Geldstück und gab es dem Mann mit den Worten: „Ich dank' Euch für die Visit' Schlaume Pinchas und seht zu, daß Ihr auch daheim was findet und das Rumziehen aufgeben könnt, Ihr werdet alt und gebrechlich" . . . „Bin ich, Reb Hirschel, bin ich nebbich, schon lang, und Zucker Hab' ich zu Buß gesagt auch, und über's Jahr will ich zu gesund mit Gottes Hilf' nach Karlsbad gaihn". „Nach Karlsbad?" rief mein Vater erstaunt, „das kostet ja eine Masse Geld!" . . % „Man werd sehn! Und wenn ich auf de Durchreis' vorbei kimm, wer' ich mer derlauben, mich nach des Rebeleben Gesündheit zu erkundigen." ... Damit war er gegangen und als er die Tür hinter sich geschlossen hatte, stürzten wir lachend in das Studierzimmer meines Vaters. . . . „Ihr sollt doch nicht horchen". „Der Mann war so komisch, Papa", rief ich und meine Schwester fügte hinzu: „Und Mama erlaubt ja doch nicht, daß wir mit diesen Leuten sprechen und zu Tisch kommen sie auch nicht, wie bei Frankels, wo sie jeden Freitag Abend mitessen und Witze machen." Meine Mutter war nämlich neben ihrer großen Frömmigkeit und Güte sehr stolz auf ihre Abstammung, und vornehm in Manieren und Haltung, mochte sie diese „Gäste" nicht an ihrem Tisch sehen, der schon im Stil moderner Kultur, in Sitten und Gebräuchen, geführt wurde. Auch wollte sie uns nicht in Berührung mit ihnen gebracht wissen. Die uns zum „Plettessen" zugeteilten Schnorrer wurden daher auf Kosten meines Vaters beim Schammes verpflegt, sodaß wir nur heimlich von diesen merkwürdigen Wandervögeln etwas zu sehen und hören bekamen.