Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 15 (1912)
- Article
- Der Mischpocherentner
- Date
- 1912-01-01
- Page
- Seite 220 (sequence 9)
- Language
- German
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220 der als Rabbiner einer großen Gemeinde, in der Nähe der russisch-polnischen Grenze, von diesen Gästen sehr häufig ausgesucht wurde. Meine Vaterstadt mit densehr wohlhabenden Mitgliedern ihrer jüdischen Gemeinde, mit den: gütigen, humanen, gutgestellten Rabbi, mit der frommen, einer begüterten Familie, von höchstem „Jiches" entstammenden „Rebbezin" (Rabbinerfrau) war der besonders bevorzugte Zielpunkt dieser „Orchim" (Gäste), die wie die Wanderburschen von Ort zu Ort zogen. Aber doch so ganz anders, wie die von der Landstraße, denn sie hatten ein Zugehörigkeitsrecht zu ihren gut situierten Glaubensgenossen. Und wie nutzten sie dieses aus. Wenn mein Vater ihnen, aus der dazu eingerichteten „Maßer"-Kasse, die immer weit über den für sie bestimmten „Zehnt" des Einkommens aufgefüllt wurde, weniger gab, als der Gast erwartete, so war dieser zunächst tief beleidigt. Er sagte etwas von „ka kowed" und was der, „Raw" von ihm denke, wegen zwei gute Groschen, sei er nix ä so weit daher gekommen, und meine Schwester flüsterte mir hinter der "Tür, wo wir lauschend standen zu: Aha, er is „bsrauAss^ (beleidigt), jetzt gehts bald los". Und richtig, auf die ruhige Frage meines Vaters, von wo er denn so weit herkäme, antwortete er Patzig: „von Perm—Czenstochau. Is Ihnen das vielleicht nich weit genug, Herr . . . Rabbiner?" In das Wort Rabbiner legte er einen Hohn, womit er seine ganze Verachtung für den Unterschied zwischen Row und Rabbiner ausdrücken wollte. Wenn mein Vater dann beschwichtigend erwiderte: „Warum kommt Ihr soweit herum? Was tut Ihr in Perm, was habt Ihr in Sibirien zu suchen/seid zufrieden wenn man Euch nicht dorthin verschickt?" Da kam es mit überlegenem Spott: „Rebbe tommer verkehrt. Osser war ich in Perm, denn ä politischer Verbrecher bin ich nix, aber aus Czenstochau komm' ich ä her, nix von der verschwarzten . . . perdohn, perdohn . . . von der schwarzen Mutter Gottes, aber von Jossel Pleitegeierder hat gemacht zu gesund de siebente Pleite und hat mer beteiligt mit 5 Prozent."