Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 15 (1912)
- Article
- Der Mischpocherentner
- Date
- 1912-01-01
- Page
- Seite 219 (sequence 8)
- Language
- German
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219 schieden, waren sie eins vor Gott. In den kleinen Gemeinden hatten sich diese Gepflogenheiten und darin wurzelnden Anschauungen sehr lange erhalten. Wenn sie heute vielleicht auch schon verschwunden scheinen, atavistisch haben sie sich fortgepsianzt von Generation zu Generation, und wenn der „Schnorrer" (Bettler) sich noch jetzt zeitweilig als König fühlt, so führt das zurück, in jene fernen Zeiten, wo die Not und Verfolgung, die die Gesamtheit des Volkes erlitt, sie zusammenschweißte und zusammenführte. So erschien es auch nicht beschämend der Empfangende zu sein, und der Almosenspendende mußte es gewissermaßen dankbar empfinden, geben zu können. Niemals durfte er dem Begehrenden und Nehmenden Nichtachtung oder Unwillen zeigen, oder sich gar hochmütig und abweisend ihnen gegenüber verhalten. Die da kamen waren Glaubensbrüder, arme Brüder, die Hilfe heischten und ihren Anteil an dem Besitz der Reichen, von denen das Wortgalt: „Wohlihnen, daß sie geben können". . Wohl ihnen daß sie geben können! Wie ein Segensspruch war es. Und man kam zu den also Beglückten und von Gott Gesegneten mit dem Anspruch des Selbstverständlichen, mit der Naivität, der Gutgläubigkeit und mit der Zugehörigkeit stammesverwandter Rechte. Der „Orech" (Gast) war ein freundlich aufgenommener, oft sogar gern gesehener Gast an der Tafel des jüdischen Hauses. Er saß neben dem Hausherrn und wurde mit allen Ehren behandelt, die die Gastfreundschaft gebietet. Und kein „Freitag-zu-Nacht", kein „Schabbesmittag", kein Sederabend und kein Fest- und Feiertag verging, ohne daß einer oder mehrere dieser Gäste die Familientafeln erweiterten. Denn^zu der großen Familie, die dieser vereinsamte Stamn? bildete, von den Andersgläubigen wie ein Fremdkörper ausgeschlossen, wie eine aufgezwungene Enklave im Herzen der übrigen Volkheit lästig empfunden, gehörten sie alle, und ohne die Scham und Scheu der Armut kamen sie zu ihren reichen Brüdern und fühlten sich eins mit ihnen. Ich erinnere mich aus den Tagen meiner Kindheit, wie ich und meine Geschwister ängstlich hinter der Tür des Studierzimmers meines Vaters standen,