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Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur · 1912-01-01 · 15 (1912) · p. Seite 218

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Journal
Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
Volume
15 (1912)
Article
Der Mischpocherentner
Date
1912-01-01
Page
Seite 218 (sequence 7)
Language
German
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218 Saul Eisenstädter war der Sohn des Religionslehrers und Vorbeters der kleinen mährischen Gemeinde Leipnik. Sein Elternhaus war von jener grenzenlosen Einfachheit und Anspruchslosigkeit, die man heute nur noch aus Ueberlieferungen kennt, die sich auf dem Boden religiösen Lebens entwickelten und darin trotz aller Armseligkeit einem gewissen Selbstgefühl die Grundlage gaben. Wenn es auch Reiche und Arme in der „Khille" gab, in „Schul" und in der Ausübung ihrer vorschriftsmäßigen Uebungen waren sie alle gleich. Sie hatten dieselben Gebete, dieselben Gebräuche und Ritualien, sie feierten die gleichen Feste und Feiertage, den sechs schweren, beladenen Arbeitstagen der Woche, folgte zur selben Stunde, ja zur selben Minute, die sabbatliche Ruhe und das Lecho Daudi likras kallo erscholl ihnen allen zu gleicher Zeit. Gemeinsam begrüßten sie die Braut, ihnen allen die gleiche . . . jedem Gunst und Freude spendend für die Feierstunden, die ihr Einzug einleitete. Gemeinsam erlöschten sie bei der „Hawdala" das Licht, das sie am Freitag Abend entzündeten und das ihnen. das Symbol war, des Friedens und Ausrastens, des beschaulichen Genießens nach sechs mühevollen Wochentagen, aus Gottes Geheiß und Gott geweiht. Das. vereinte sie und verwischte die Unterschiede zwischen den Armen und Reichen, im ideellen Sinne . . . und sie verbargen die Scham und Scheu ihrer Armut, und waren eins in Freud und Leid bei den Ereignissen im Familienleben der Gemeindemitglieder. Die Begüterten ließen ihre Brüder teilnehmen an dem Segen, der ihnen zu teil geworden. Ob freiwillig oder unfreiwillig unterlag keiner besonderen Nachprüfung. Man war im Leben und Sterben durch eine starke Anteilnahme mit einander verbunden. Sie freuten sich mitsammen und trauerten mitsammen, so war es Brauch in Israel! Sie glaubten an einen Gott und beteten zu einem Gott... ob nachdenkliche Zweifel schon damals an mancher Seele nagten, und die Einmütigkeit in Glaubenssachen zu erschüttern drohten, wer vermöchte das zu entscheiden? In Glanz und Wohlhabenheit, in Dunkel und Kargheit der-

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