Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 15 (1912)
- Article
- Der Mischpocherentner
- Date
- 1912-01-01
- Page
- Seite 217 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3111067-3111096-3115687--4200-3115916- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
217 rotte des' Schwagers sie belasten, mit schier unerschwinglichen Forderungen . . das ging doch zu weit, und die Empörung, die diese Vorstellungen in ihr'weckten, entlud sich in einem heftigen Ausbruch. Sie warf ihm vor, daß er im Grunde nie etwas getan hatte. Die geringe Arbeit, die er im Geschäft des Bruders leiste, wäre viel zu hoch eingeschätzt und hauptsächlich darum mit 60 Gulden monatlich honoriert, damit er es nicht als ein Gnadenbrot ansehe, was sie ihm zu teil werden ließen. Und nun käme er daher und verlange dieses Gnadenbrot in Wirklichkeit. Und wer ihn denn aushalten solle? Und mit einem bestimmten monatlichen Einkommen wohl gar . . ., sie kenne solche Sachen. Hier im Haushalt, da wäre das noch so mit durchgegangen, daß ein Mensch mehr satt gemacht würde, und dann konnte er sich doch noch manchmal nützlich machen, aber wenn er nichts mehr täte, so wäre das ein schlechtes Beispiel für ihre Söhne, und das wolle sie nicht und gäbe sie nimmer zu. Der ganze, jahrelang in ihr ausgespeicherte Unmut brach nun mit ein Mal heraus, und Herr Saul Eisenstädter bekam von seiner sonst so gutmütigen Schwägerin allerhand wenig Erbauliches zu hören. Das aber Prallte an seinem Stoizismus vollständig ab und als sie endlich tief aufatmend ihre große Standrede beendete, da hörte sie nur die aus seinem Munde sehr ruhig und gelassen kommenden Worte: „Das verstehst Du nicht, liebe Schwägerin! . . . Ich bin der ältere Bruder Deines Mannes . . . Noblesse oblische ... da ist nichts zu machen. . . ." Die schwerwiegenden Worte waren gefallen und zugleich durch das Streichen der Hand über das Antlitz besiegelt worden. Die Hand ruhte noch fest auf dem Nasenrücken, als Saul Eisenstädter hocherhobenen Hauptes das Zimmer verließ. Er hatte gesiegt. Da war nichts zu machen! *