Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 15 (1912)
- Article
- Der Mischpocherentner
- Date
- 1912-01-01
- Page
- Seite 215 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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215 „Das weiß ich, liebe Jetti, aber ich bin ein bescheidener Mensch und brauche nicht so viel, und was ich brauche werdet ihr mir nicht verweigern. . . ." Wenn er hochdeutsch und gebildet sprach wurde die Sache bedenklich, das Wort „verweigern" hallte ihr schreckhaft ins Ohr und schon fuhr er fort: „Ich weiß, Ihr werdet Eure Pflichten kennen, wie ich meine Rechte kenne. Du und Dein Mann, mein Bruder, und die übrige Gefolgschaft und Nachkommenschaft unseres hochseligen Stammhalters Israel Eisenstädter. ..." Hätte er doch flur „Mischpoche" gesagt, statt Nachkommenschaft und Gefolgschaft und statt „hochseliger Stammhalters Israel Eisenstädter" unser Vater Israel „Liebrono liwrocho“, dann wäre vielleicht noch was zu retten gewesen; aber sobald er in den Stil der Hofansagen, der Neuen Freien Presse verfiel, war jede Aussicht verloren, und da erklang es auch das ominöse: „Da ist nichts zu machen! . Frau Jetti fuhr empor und dann sank sie, wie entgeistert auf ihren Platz zurück. Der gestopfte Strumpf war ihren Händen entfallen und sie kreuzte diese auf ihrem Schoß, sah den vor ihr stehenden hoch aufgerichteten Mann zaghaft, fast flehend an und wagte einen schüchternen Versuch, sein Diktum umzustoßen, denn ein schwacher Hoffnungsschimmer war noch vorhanden. Seine Arme hingen am Körper bewegungslos herab. Solange er mit seiner rechten Hand sich nicht über das Gesicht gefahren war, um an seiner übergroßen Nase halt zu machen und die Hand darauf ruhen zu lassen, was gewissermaßen als die letzte Besieglung seines Wahrspruches anzusehen war, konnte sie ihn vielleicht noch ihren Bedenken zugänglich machen, und hastig, ohne ihn: Zeit zu lassen, rief sie: „Aber Schwager, was fällt Dir denn ein? Ein junger, hübscher, tatkräftiger Mann, wie Du, wird sich zur Ruhe setzen? Dazu liegt doch gar keine Veranlassung vor, Du bist gesund und kräftig. . ." „Unberufen" ... fiel er ihr ins Wort.