Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 15 (1912)
- Article
- Der Mischpocherentner
- Date
- 1912-01-01
- Page
- Seite 214 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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214 „Ich versteh' Dich nicht recht, lieber Saul! Was heißt, Du willst Dich zu Ruh' setzen? Warum? Wovon? Wie so? Wohin? Aus was hin?" Ihrer Stimme hatte sich im Laufe dieser Fragen eine leichte Erregung bemächtigt, und die sonst gütige und freundliche Frau schien durch die Mitteilungen ihres Schwagers aus dem Gleichgewicht gebracht, denn sie wußte aus Erfahrung, mit Saul Eisenstädter war nicht zu spaßen, und wenn er einmal einen Entschluß faßte, was übrigens nicht allzuhäufig geschah, dann war er unwiderruflich. „Nichts zu machen . . sagte er in solchen Fällen, mit einer Bestimmtheit und Festigkeit, gegen die der kategorische Imperativ ein schwankes Gedankenspiel ist. „Nichts zu machen" war bei ihm die Kundgebung des Unumstößlichen, durch nichts zu erschütternden, das in ehernen Gesetzen festgelegt war, und in einer UebErzeugung wurzelte, gegen die eben nichts zu machen war. Mit einem gelinden Schrecken im behaglich breiten Angesicht sah Frau Jetti den Ausführungen ihres Besuchers entgegen, wenn diese mit dem ominösen: nichts zu machen, enden würden, dann war in der Tat nichts zu machen. Das wußte sie und deshalb war sie gleich mit einer Fülle von Fragen über ihn hergefallen, um ihn durch die Menge ihrer Zweifel zu verblüffen und unsicher zu machen. Warum wollte er sich zur Ruhe setzen, der in seinem Leben überhaupt nicht viel gearbeitet hatte? Wovon wollte er leben, da er garnichts besaß? Wie so kam er auf einen solchen absurden, richtiger ausgedrückt, „meschuggenen" Gedanken? Wohin wollte er gehen, um sich zur Ruhe zu setzen? ging es durch ihren Sinn. „Zur Ruhe setzen", murmelte sie halblaut vor sich hin, und „auf was hin?" fügte sie beinahe ängstlich hinzu, „auf was hin?" Hast Du einen Treffer gemacht im Lotto? Einen Haupttreffer? Oder hast Du auf der Börs gespielt? Oder hast Du ein Sparkassenbuch oder einen Strumpf? Zum zur Ruh setzen gehört Geld. . ."