Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 15 (1912)
- Article
- Der Mischpocherentner
- Date
- 1912-01-01
- Page
- Seite 213 (sequence 2)
- Language
- German
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- 213 — mußte damals gut sitzen! Und einen so langen Bratenrock, wie ihn Saul Eisenstädter brauchte, gab's in den ganzen Altkleidermodenmagazinen der Leopoldstadt nicht. Saul Eisenstädter war nämlich von einer Länge, mit der er ebenso gut ein Flügelmann der preußischen Gardegrenadiere hätte sein können, wie ein mährischer Jid. Er war nun aber offenbar nicht fürs militärische auserkoren und hatte nicht einmal in seinen: Vaterlande der seinem Volksschulbildungsgange entsprechenden dreijährigen Dienstpflichtzu genügen brauchen, weil er glücklicherweise „Plattfüße" hatte. Der Gehrock mußte also vor 15 Jahren ganz besonders für seine Figur angefertigt, wie Mechje „Schneider" sich ausdrückte, ihm „auf den Leib zugeschnitten werden". Das Kunststück war damals gelungen, der hohen Bedeutung des fest-feierlichen Kleidungsstückes gemäß. Herr Saul Eisenstädter war zur Zeit nämlich auf „Beschau" gegangen. Sollte er heute ähnliche Absichten haben? Er hatte zur Zeit zwar gesagt: „ä mol un nich wieder", nachdem er die unangenehmsten, lächerlichsten Erfahrungen mit seiner Brautschau gemacht hatte. Aber bei Saul soll man sagen, was 'ne Sache ist, dachte Frau Jetti, vielleicht hat er sich's nach 15 Jahren anders überlegt. In jedem Falle mußte sie auf außergewöhnliches gefaßt sein. Montag früh um 10*/2 Uhr, im Bratenrock, mit Zylinder und sehr gehaltvoller Miene. ... „Nun, Saul?" begrüßte sie ihn, „was verschafft mir die Ehre?" Er trat dicht an sie heran und sprach mit etwas gedämpfter, aber fester Stimme: „Ich will mich zur Ruh' setzen, liebe Schwägerin!" „Bitte, nimm Platz", sagte sie, verwundert über die Form, in der er um einen Sessel bat, und deutete auf einen in ihrer Nähe stehenden Lehnstuhl. „Nicht so, liebe Schwägerin . . .", wehrte er mit mildem, nachsichtigem Lächeln ab, „nicht so . . ., nich auf ein Schabbes zu Minche-Visit-Sessel will ich mich zu Ruh' setzen, auf eine Viertelstund', nur fürs ganze Leben!" Frau Jetti blickte , ihn verständnislos an.