Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 15 (1912)
- Article
- Ein Edler in Israel
- Date
- 1912-01-01
- Page
- Seite 208 (sequence 11)
- Language
- German
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208 es dem Juden erlaubt ist, den Rücken aufzurichten und das Angesicht emporzuheben, da treten sofort die schönsten und eindruckvollsten Mannergestalten zu Tage. Vor vielen Jahren habe ich einmal den deutschen Reichstag angesehen; mein Interesse richtete sich vorzugsweise auf das Aeußere der Männer. Unter allen den Volksgewählten zeigte die mächtigste und eindrucksvollste Gestalt ein Jude; freilich auch so einer, dessen Vorfahren schon den Nacken frei und stolz tragen durften — es war der Baron v. Rothschild. Es wird gesprochen von der wirtschaftlichen, ja auch geistigen Ueberlegenheit des Juden, das ist eine Fabel, die richtig gestellt werden muß. Wahr ist hieran nur so viel: Einem jeden Indern besonders dem jüdischen Kinde, steckt es in den Gliedern, daß sie Sprossen sind des reinsten-und ältesten Kulturvolkes der Welt. So etwas geht nicht wieder verloren, das läßt das Gesetz von der Erhaltung der Kraft und der Vererbung nicht zu. Was dem Juden jederzeit ein wirtschaftliches, teilweise auch geistiges Uebergewicht über andere Völker verliehen hat, besteht erstlich in seiner durch Religions- und Sittengesetz anerzogenen Sparsamkeit und Enthaltsamkeit; besteht ferner in seiner geradezu unbegrenzten Anhänglichkeit und Fürsorge für Frau und Kinder; besteht drittens in seiner Bildungsfähigkeit und Lernbegierde, welche unter den Armen noch weit bedeutender und unwiderstehlicher hervortritt als bei den Reichen. Besonders ist es geradezu wunderbar, von welchem unwiderstehlichen Bildungstriebe selbst die Kinder der Aermsten, welche unter anderen Völkern zu verwildern pflegen, beseelt find." Dieser treue Jude zeichnete sich nicht minder auch als loyaler Deutscher aus. Neben seiner ersprießlichen Wirksamkeit als jüdischer Geistlicher und Pädagog, neben seiner einzig dastehenden philantropischen Tätigkeit, neben seinem reichen und von außerordentlichem Erfolg gekrönten Schaffen als philosophischer Schriftsteller, hat Rülf — ein Unikum in der ganzen deutschen Journalistik — noch die Muße gefunden, mehr als ein Vierteljahrhundert lang ein tägliches politisches Blatt, das „Memeler Dampfboot" zu redigieren, und auch auf diesem Gebiet sich glänzend bewährt; er war es, der die Zeitung zu ihrem Aufschwung und trefflichen Ruf geführt hat?) *) Anläßlich der 25jährigen Feier als Chefredakteur kam auch der Humor zur Geltung, ein Mitarbeiter, Friedrich Thimm, richtete an Rülf (1897) folgendes Epigramm;