Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 15 (1912)
- Article
- Ein Edler in Israel
- Date
- 1912-01-01
- Page
- Seite 205 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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205 Frieden und seid einig! Unser einig einziger Gott, er wird walten über unserem Werk und wird es zu gutem Ziele führen!" Diese Art Rütlischwur bildete einen packenden Höhepunkt in der begeisterten Stimmung am Schluffe des Kongresses. — Eine ähnliche, ihm angeborene, versöhnende und einigende Stellung, nahm Rülf als Rabbiner ein innerhalb der Parteiungen der Juden. Sein Standpunkt war das positiv-historische Judentum, indem er der Tradition so gut wie den Zeitsorderungen ihr Recht angedeihen ließ. In seinem im Jahre 1880 bei einer Rabbiner- Versammlung in Thorn gehaltenen Vortrage „Das Prinzip der Parteibildung im Judentum" (Populärwissenschaftliche Vorträge, Ausgabe Gossel 1902) führt er aus: „Israel hat die Thora zu keiner Zeit seines Bestandes, in Wort und Werk, in theoretischer und praktischer Beziehung in anderer Weise zum Ausdruck und zur Darstellung bringen können, als den jeweiligen Ansprüchen und dem jeweiligen Bildungsstande der Zeit gemäß. Das Festhalten jener minutiösen Integrität wird vorzugsweise aus historischem Interesse verlangt, und die Heilighaltung des Buchstabens geschieht weniger zum Zwecke der Halacha als der Geschichte. Wenn Israel auch der lebendige Träger der Thora ist, so muß diese auch alle die Wanderungen und Wandlungen der israelitischen Geschichte mitmachen, alle Formen und Phasen derselben auch an sich erfahren; das zeigt sich denn auch ganz besonders an der Halacha, welche, wie schon der Name andeutet, nichts anderes ist als der jeweilige, von der Thora durchgeistigte, in bestimmt ausgeprägten Handlungen sich darstellende „Gang" des jüdischen Volkslebens. — Es gibt nur ein unmittelbares Zeugnis dafür, was wir zu tun und zu lassen haben, die Ausdrucksform der jüdischen Volksseele; diese aber nicht in ihrem zeitlichen, sondern in ihrem ewigen Wesen, in ihrer an weltbildenden und gestaltenden, äußeren und inneren Heilstatsachen so reicher Geschichte. In dieser und durch diese Geschichte sollen alsdann auch alle jene Offenbarungs- und Religionsurkunden in voller Integrität auch im praktischen Leben durch die zu Recht bestehende Halacha wieder zur Geltung kommen; denn gerade diese Urkunden und ihre Veranlassungen sind die würdigsten und wirksamsten Kräfte im Leben und in der Geschichte unseres Volkes. Diese Urkunden bezeichnen nicht nur schon bei ihrer Entstehung die erhabendsten Momente und epochemachenden Ereignisse in der Geschichte unseres Volkes, sondern sie bilden auch im Fortgange