Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 15 (1912)
- Article
- Ein Edler in Israel
- Date
- 1912-01-01
- Page
- Seite 204 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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204 Ich bin ein Jude, und alte Volksüberlieferungen der Juden finden in meinem Herzen den lebendigsten Widerhall; das kann doch meine Liebe zu Heimat und Vaterland der Gegenwart nicht beeinträchtigen. Gerade im Gegenteil! Was ich in Bezug auf das Land der Väter von der Vergangenheit überkommen habe, was ich in Bezug hierauf für die Zukunft erhoffe, das übertrage ich in ganz unmittelbarer Weise auf Heimat und Vaterland der Gegenwart. Alle Vaterlandsliebe fließt ja aus einer und derselben Quelle. O, dem Juden, ganz besonders aber. dem deutschen Juden geschieht großes Unrecht. Was hat sich die Welt zu kümmern um die stille Liebe im Herzen zu seinem Stamm und zu dem Lande seiner Väter, die bei den meisten vielleicht schon gar nicht mehr vorhanden ist und der wahren und wirklichen Liebe zum deutschen Volke und Vaterlande nicht, den geringsten Abbruch tut?" „Die verschiedenen Völkerschaften und Nationalitäten eines Staates dürfen und sollen sich ihre Sonderart wahren und aus- Bilbeu, soviel es ihnen beliebt, wenn sie nur die wechselseitigen Bürger- und Menschenrechte achten und unangetastet lassen. Sie dürfen sogar in unblutigem Wort- und Wettstreit einander bekämpfen und sich den Rang abzulaufen suchen. Nur in einer einzigen Angelegenheit müssen sie stets sein ein Herz und eine Seele, in der Liebe zu dem gemeinsamen Vaterlande. Auch in der Anhänglichkeit und Hingabe an das Staatswesen, dessen Bürger ein Jeglicher ist. In Bezug auf diese Dinge gibt es keine Nationalitäten mehr, sondern nur noch ein einheitliches Volk." Der Zionismus Rülfs ist nicht aus auflodernder Feuerung schnell entstanden, sondern entwickelte sich ein Menschenalter lang, abgeklärt und durchdacht, und als die Bewegung zu einer großen Organisation heranwnchs, stand der Alte mit dem Schnee der Jahre auf dem Haupte, dem jugendlich warm pulsierenden Herzen im Busen, in sich vollendet und gefestigt. Es ist ganz seinem Wesen eigen, friedliebend und versöhnend, als der zweite Zionistenkongreß in Basel (28.—81. August 1898) seinem Ende zuneigte, Rülf, der Veteran, sich erhob und die große Versammlung mahnte: „Ich hätte Euch zur Reise und zum Gebrauch in Eurer Heiinat noch gar vieles zu sagen, allein die vorgerückte Stunde und die Ermüdung aller Mitglieder verbieten inir das. Ich bitte nur eines zu bedenken: Sie haben hier getagt auf dem freien Boden der Eidgenossenschaft. Nehmen sie sich deren Devise zu Herzen: „Wir wollen sein ein einig Volk von Brüdern, in keiner Not uns trennen und Gefahr!" Dieses Wort ist eins und alles. . Haltet