Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 15 (1912)
- Article
- Ein Edler in Israel
- Date
- 1912-01-01
- Page
- Seite 202 (sequence 5)
- Language
- German
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202 Von dem der Prophet Jesajah in seinem Trostbuche redet, und ihn im 53. Kapitel in so treffender' Weise schildert: „Verachtet, der Menschen geringster, ein Mann der Schmerzen, mit Leiden vertraut und gleichsam das Angesicht vor ihm verhüllend, verachteten wir ihn und schätzten ihn nicht. Jedoch der Welt Krankheiten trug er, mit der Welt Schmerzen war er belastet — und wir glaubten ihn von Gott geplagt und gepeinigt. Und er war doch nur gemartert ob unserer Sünden, zermalmt ob unserer Verbrechen: die Zucht zu unserer Verbesserung traf ihn, und durch seine Wunden sind wir genesen ... Gepeinigt, blieb er ergeben und öffnete nicht den Mund, gleich dem Lamm, zur Schlachtbank geführt und gleich dem Schaf, vor seinen S'cheerern blieb er stumm und öffnete nicht den Mund. Von Schutz und Recht ferngehaltenI — und wer ba schwatzen hörte sein Zeitalter: — er sei getilgt aus dem Lande des Lebens — des Verbrechens wegen sei meinem Volke Plage geworden. Bei Frevlern gab man ihm sein Grab und bei Gottlosen seinen Tod; und doch hatte er nicht Gewalt geübt, und kein Trug war in seinem Mund. Aber der Ewige wollte ihn durch Siechtum zermalmen, so daß, wenn er seine Seele zum Schöpfer gebracht, sollte er Nachkommen schauen^ lange leben und der Zweck Gottes durch seine Hand gelingen."^ — Wir haben den größten Teil dieses Kapitels hier angeführt; denn niemals hat weder ein göttliches noch menschliches Wort größere und verhängnisvollere Mißdeutungen erfahren, und niemals ist weder in einem heiligen noch weltlichen Buche ein so genaues und zutreffendes Bild von dem Geschicke und der Geschichte des israelitischen Volkes entworfen worden." In ähnlichen Beispielen und Gleichnissen kennzeichnet Rülf die Stellung der Juden mitten unter den Völkern in seinem 1883 geschriebenen Merkchen „ Aruch as b as-Ammi" (Heilung Israels, ein ernstes Wort an Glaubens- und Nichtglaubensgenossen). Dieses von jüdisch-nationalem Geist und Bewußtsein getragene Merkchen ist ein Produkt der vielen Anfeindungen gegen das Judentum, und durch diese Schrift ist Rülf einer der Begründer des modernen Zionismus geworden. Seine Zionsidee ist übrigens weit früheren Datums; schon 1869 gibt er in seiner Schrift „Meine Reise nach Kowno" seine Empfindung für Zion wieder. Rülf schrieb damals: > „ . . . Ich glaube mich nach Erez-Jsrael, in die liebe, uralte Heimat der Väter versetzt. Was soll ich's leugnen? Mein Herz *) Den Inhalt dieses Kapitels hat Rülf in verschiedenen Variationen vielmals in seinen Schriften zur Sprache gebracht, zuletzt in seinem trefflichen Vortrag (1897) „Der große Unbekannte".